UND IHR WOLLT KULTURHAUPTSTADT WERDEN?

Reproduktion eines Minstrel-Show-Plakats aus dem Jahre 1900. Es zeigt die Verwandlung von „weiß“ nach „schwarz“.Reproduktion eines Minstrel-Show-Plakats aus dem Jahre 1900. Es zeigt die Verwandlung von „weiß“ nach „schwarz“.

Hildesheim macht sich auf, Kulturhauptstadt Europas zu werden. Auf der Bühne des Landestheaters TfN hingegen zeigt sich offener Rassismus. 

Ein Kommentar von Oliver Carstens

Da musste man erstmal schlucken. Bei der Premiere von “Das Geheimnis des Edwin Drood” bedient sich Regisseur Craig Simmons eines Stilmittels, das eigentlich auf den Scheiterhaufen der Geschichte gehört. Zwei Darsteller, in diesem Fall Jürgen Brehm und Elisabeth Köstner, tauchen mit dunkel geschminktem Gesicht auf der Bühne auf. Durch das sogenannte Blackfacing macht man zwei weiße Darsteller zu Schwarzen. Ein Skandal.

Jetzt kann man natürlich sagen, die Verantwortlichen am TfN haben nichts mitbekommen von den Diskussionen der Vergangenheit. Sie haben keine Ahnung von den Diskussionen über den Sinterklaas in den Niederlanden. Sie wissen nichts davon, dass sich eine Organisation wie Bühnenwatch gegründet hat und von den Boykottaufrufen gegen deutsche Theater, die das Mittel Blackfacing weiterhin nutzen. Man könnte einfach behaupten, in Hildesheim habe man auch diese Entwicklung verpennt. Aber das wäre zu einfach. Noch einfacher wäre es, sich sozialer Medien zu bedienen, in denen unter dem #blackface immer wieder dieses Stilmittel kritisiert und diskutiert wird.


Das Motiv des Blackfacings geht auf eine rassistische Schauspiel-Tradition aus dem 19. Jahrhundert zurück, die überwiegend in den US-amerikanischen Mistrel Shows angewendet wurde. Das überwiegend weiße Publikum sollte durch die Darstellung schwarzer Menschen als naiv, betrunken oder stets fröhlich amüsiert werden. Das Blackfacing ist ein Symbol für Rassismus, Sklaverei und die Kolonialzeit. Eine menschenverachtende Tradition auf der Bühne eines Landestheaters. In einer Stadt, die sich anschickt, Kulturhauptstadt Europas werden zu wollen. Man fragt sich, ob es Dummheit oder Naivität gewesen ist, dass Regie, Ensemble und Intendanz diese Form der Darstellung zugelassen haben. Aber auch die Entrüstung beim Premierenpublikum blieb aus. Lieber wurde artig applaudiert und gelacht. Kein Aufschrei. Kein Unmut.

Blackfacing zeigt, wie schwarze Menschen auch heute noch jeden Tag diskriminiert werden. Es steht für Stereotype, die wir in einer aufgeklärten Welt nicht mehr sehen wollen. Wie liberal ist eigentlich eine Gesellschaft, die klatscht, wenn ein Schwarzer Präsident der USA wird? Die sich gleichzeitig echauffiert, wenn ein türkischer Präsident der deutschen Regierung Nazi-Methoden vorwirft? Die aber zum gedankenlosen Applauspublikum wird, wenn Rassismus direkt vor ihren Augen stattfindet?

Aufstehen gegen Alltagsrassismus

Es ist ein Skandal, dass vor allem in der Kultur, die sich immer rühmen möchte, gern besonders politisch zu sein, derartige Darstellungsformen immer und immer wieder gewählt werden. Es ist ein Skandal, dass eine politisch aufgeklärte Intendanz so etwas zulässt. Es ist ein Skandal, dass selbst die örtliche Tageszeitung diesem eben kein kritisches Wort widmet, sondern die Darsteller auch noch als “frisch gebräunt angereist aus Ceylon” preist. Es ist ein Skandal, dass sich das Theater auch drei Tage nach diesem Vorkommnis mit bisher keinem kritischen Wort an die Öffentlichkeit gewandt hat, sondern scheinbar versucht, das Thema auszusitzen.

Und es ist ein Skandal, dass das Theater für Niedersachsen sogar Wiederholungstäter ist. Schon 2015 war Blackfacing ein probates Mittel am TfN. Für die Inszenierung von “Otello darf nicht platzen” wurde Darsteller Tim  Müller schwarz angemalt. Im Herbst 2015 bewiesen die Verantwortlichen schon einmal kein Fingerspitzengefühl. Denn nur knapp ein Jahr zuvor, im April 2014, hatte es im Bayrischen Hof in München die gleiche Diskussion gegeben. Auch dort ging es um das Stück “Othello”, auch dort gab es Blackfacing.

Es ist genau dieser Alltagsrassismus, gegen den sich eine liberale Gesellschaft auflehnen muss. Eine aufgeklärte Gesellschaft, die sich gegen Diskriminierung wehrt, die klar macht, dass so etwas nicht mehr geht. Dass wir in einer Welt leben, in der es keinen Platz für Rassismus gibt. Wir müssen aktiv vor Ort dagegen aufstehen. Nicht nur, wenn ein Demagoge aus der Türkei einen autoritären Staat machen will. Nicht nur, wenn ein Populist über dem großen Teich versucht, mit Abschottung Stimmen zu gewinnen. Nicht nur, wenn ein bayrischer Ministerpräsident einen rassistischen Regierungschef umgarnt. Rassismus passiert hier. Vor unseren Augen. Jeden Tag. Dieser erneute Skandal muss Konsequenzen haben.


Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.

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