ÜBER VOLLGEKOTZTE TRIKOTS UND DUMPFE GEWALT

Der ZDF-"aspekte"-Literaturpreis wird in diesem Jahr zum 38. Mal vergeben. Er ist mit 10 000 Euro dotiert und die bedeutendste Auszeichnung für deutschsprachige Erstlingsprosa. (Foto: "obs/ZDF/Opium Effect")Der ZDF-"aspekte"-Literaturpreis wird in diesem Jahr zum 38. Mal vergeben. Er ist mit 10 000 Euro dotiert und die bedeutendste Auszeichnung für deutschsprachige Erstlingsprosa. (Foto: "obs/ZDF/Opium Effect")

Studiert hat Philipp Winkler in Hildesheim. Für seinen Roman “Hool” soll er nun mit dem “aspekte-Literaturpreis” des ZDF ausgezeichnet werden. Eine Spurensuche in Hildesheim.

HILDESHEIM. In seinem Roman “Hool” nimmt Philipp Winkler seine Leser mit in den Alltag gewaltbereiter Fußballfans. Für Winkler, der in Hildesheim Literarisches Schreiben studiert hat, ist sein Debütroman gleichzeitig sein Master-Abschluss an der Universität.

Philipp Winkler, 1986 geboren, aufgewachsen in Hagenburg bei Hannover, studierte Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim. Lebt in Leipzig. Auslandsaufenthalte im Kosovo, Albanien, Serbien und Japan. (Foto: Aufbau-Verlag, Kat Kaufmann)

Philipp Winkler, 1986 geboren, aufgewachsen in Hagenburg bei Hannover, studierte Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim. Lebt in Leipzig. Auslandsaufenthalte im Kosovo, Albanien, Serbien und Japan. (Foto: Aufbau-Verlag, Kat Kaufmann)

Neben der brutalen Gegenwart lässt Winkler die Jugend und Kindheit seiner Figuren in Rückblenden Revue passieren, heißt es in einem Beitrag des ZDF-Fernsehens. Insbesondere die Kenntnis der Psychologie der Nebencharaktere habe die Jury begeistert. „Figuren, die fast nicht auftreten, Figuren, die fast nichts sagen, werden mit wenig Pinselstrichen so plastisch, so lebendig und so liebevoll geschildert, dass man merkt: Das ist einfach ein Schriftsteller, ein richtig guter Autor, der jetzt anfängt zu schreiben“, sagt Jury-Mitglied Volker Weidermann, Literaturchef des SPIEGEL.

“Ist es möglich, ein leises Buch über Lärm zu schreiben? Ein vorsichtiges, ein tastendes Buch über Gewalt? Ein Hooligan-Buch über die Einsamkeit? Vielleicht ist es möglich, denkt man sich noch, aber würde man ein so verrutschtes Buch auch lesen wollen? Und dann also: Liest man Philipp Winklers Roman ‘Hool’ über diesen einsamen, hasserfüllten Hannoveraner Hooligan Heiko Kolbe und seine Freunde, über ihre Kämpfe, ihre Träume, ihren irrsinnig starken Wunsch zusammen zu gehören, stark zu sein, Helden zu bleiben, jung zu bleiben, dann weiß man sofort, dass wir hier einen neuen Schriftsteller entdeckt haben. Eine neue, eigenwillige, starke literarische Stimme, die sich erhebt, um die Stummen hörbar zu machen, lesbar, erfahrbar, mit großer, sprachlicher Kraft und Einfühlungsmacht. Philipp Winkler hat sein Buch wie eine Leuchtrakete in die Fankurve der deutschen Literatur hineingeschossen, und wir gratulieren ihm herzlich zu diesem Buch und diesem Preis”, heißt es in der Begründung der Jury, die in diesem Jahr aus Jana Hensel (Autorin), Ursula März (Die Zeit), Daniel Fiedler (Redaktionsleiter ZDF Kultur Berlin) und Volker Weidermann (Das Literarische Quartett, Der Spiegel) besteht.

“Hool” ist das Porträt eines gesellschaftlichen Verlierers, der sich an männliche Kameradschaftsfantasien klammert und sich dabei zerstört, lautet das Urteil von Philipp Bovermann in seiner Kritik auf süddeutsche.de. Winkler, Jahrgang 1986, wurde in der Nähe von Hannover geboren und ist begeisterter Fußballfan. Bovermann erzählt er, er kenne über ein paar Ecken Leute aus der Szene. Selbst Mitglied in einer Hooliga-Gruppe will er nicht gewesen sein. Bovermann spekuliert, ob ihm die Hooligan-Szene vielleicht wie eine überzeichnete Version seiner eigenen Faszination vorgekommen ist.

Philipp Winkler erhält für seinen Roman "Hool" den "Aspekte-Literaturpreis" des ZDF.

Philipp Winkler erhält für seinen Roman “Hool” den “Aspekte-Literaturpreis” des ZDF.

Mit „Hool“ steht Philipp Winkler auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016. Der Preisträger wird auf der Frankfurter Buchmesse am 17. Oktober 2016 bekanntgegeben. „Philipp Winkler schreibt in eindringlichen Szenen von der Lebens- und Adrenalingier der ‘Hools’ und von einer Kultur der Gewalt, in der Außenseiter ihre Sprache finden. Mit seinem krachenden Debüt gelingt Winkler ein Milieuroman, der nichts verherrlicht, der hart ist, traurig und manchmal auch komisch“, kommentiert die Jury weiter. Knapp einhundert deutschsprachige Verlage hatten ihre Kandidaten ins Rennen für den Deutschen Buchpreis geschickt, sechs Autorinnen und Autoren stehen auf der Shortlist.

Auch Shida Bazyar stand mit ihrem im Frühjahr erschienenen Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ im Finale des aspekte-Literaturpreises. Die Autorin hat ebenfalls in Hildesheim „Literarisches Schreiben“ studiert. Die Schriftstellerin, 1988 in Hermeskeil geboren, hat bereits im Sommer den mit 10.000 Euro dotierten Ulla-Hahn-Preis erhalten. Shida Bazyar wird außerdem am 25. Oktober 2016 der Kulturförderpreis der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover überreicht.

Bazyar und Winkler haben in Hildesheim sowohl den Bachelor „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ als auch den Master „Literarisches Schreiben“ studiert und mit den beiden prämierten Romanen abgeschlossen (Bazyar 2014, Winkler 2015).

„Herzlichste Glückwünsche an Shida und Philipp. Die beiden haben zwei großartige Romane vorgelegt, die überdies auch die thematische und stilistische Vielfalt aufzeigen, die für Hildesheim so charakteristisch ist”, sagt Thomas Klupp. Er ist seit zehn Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft und freut sich über die Erfolge der Autorinnen und Autoren, die auf ihrem schriftstellerischen Weg an der Universität Hildesheim Halt gemacht und gelernt haben.


Über den Literaturpreis

Das ZDF vergibt den „aspekte“-Literaturpreis seit 1979 für das beste deutschsprachige Prosa-Debüt. Der erste Preisträger war 1979 Hanns-Josef Ortheil: Der Schriftsteller lehrt und forscht als Professor für Kreatives Schreiben seit 25 Jahren in Hildesheim. Ein Viertel Jahrhundert später erhält erneut ein Schriftsteller mit Hildesheim-Bezug den Preis für das beste literarische Debüt. Der Preis geht in diesem Jahr an Philipp Winkler für seinen Roman über einen Hannoveraner Hooligan [hier erfahren Sie mehr über seinen Roman „Hool“]. Winkler, 1986 geboren, wuchs in Hagenburg bei Hannover auf. Er studierte „Literarisches Schreiben“ am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim und lebt heute in Leipzig.

Der ZDF-“aspekte”-Literaturpreis wird in diesem Jahr zum 38. Mal vergeben. Er ist mit 10 000 Euro dotiert und die bedeutendste Auszeichnung für deutschsprachige Erstlingsprosa.

Die Preisverleihung findet statt am Donnerstag, 20. Oktober 2016, 11.30 Uhr, im Rahmen der Frankfurter Buchmesse auf dem Blauen Sofa am ZDF-Stand.


Der Autor in Hildesheim: Lesung bei Ameis Buchecke

Philipp Winkler liest am Montag, 7. November, ab 19.30 Uhr, bei ameis Buchecke, in der Andreaspassage aus seinem Debüt-Roman vor. Den Abend moderiert Thomas Klupp. Hier finden Sie weitere Informationen.


Kurz erklärt: Literaturinstitut Hildesheim – Was hier alles passiert

Kreatives Schreiben, Kulturjournalismus, Lektorat, Kulturwissenschaften, ästhetische Praxis – das Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim gehört neben dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig, dem Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und dem Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst in Wien zu den einzigen Universitäts-Instituten im deutschsprachigen Raum, an denen Studentinnen und Studenten in Bachelor- und Master-Studiengängen in Theorie und Praxis des Kreativen und Literarischen Schreibens umfassend unterrichtet und ausgebildet werden.

Nicht entweder oder: in Hildesheim kombinieren sie die gedruckte und digitale Welt. Während die einen Studierenden das komplexe Feld der Buchproduktion und Verlagswelt erproben – und unter anderem die Zeitschrift für junge Gegenwartsliteratur „BELLA triste“ herausgeben –, befassen sich andere mit digitaler Medienproduktion und berichten auf dem Online-Portal litradio.net vom literarischen Geschehen. Alle drei Jahre organisieren Studierende „Prosanova“, das größte Festival für junge deutschsprachige Gegenwartsliteratur.

Was Kulturjournalismus ist, erfährt man auf der Website des Literaturinstituts.

Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.

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