TOMORROW AND YESTERDAY – IN HILDESHEIM

Marc Erwin Babej mit seinen beiden Assistentinnen Anuschka (links) und Laura. (Foto: Moritz Detje)Marc Erwin Babej mit seinen beiden Assistentinnen Anuschka (links) und Laura. (Foto: Moritz Detje)

Das RPM in Hildesheim präsentiert die Weltpremiere einer einzigartigen Sonderausstellung mit Werken des renommierten deutsch-amerikanischen Fotokünstlers Marc Erwin Babej.

HILDESHEIM. Im Januar 2016 besuchte Marc Erwin Babej den Tempel Sethos 1. in Abydos, Oberägypten. Der ägyptischen Kunst begegnete er dabei mit dem gleichen faszinierenden Unverständnis, das wohl die meisten Ägyptenreisenden bei ihren Tempelbesuchen verspüren. Heute, 14 Monate später, eröffnet Babej eine Ausstellung, die die altägyptische Bildsprache – formal und thematisch weiterentwickelt – auf unsere Gesellschaft anwendet.

Bei Eintritt in die Ausstellungsräume schlägt dem Besucher etwas entgegen, das auf den Namen digitale Tempelatmosphäre hören könnte. Riesige schwarzweiße Bilder fügen sich wie Reliefs in die Wände ein. Irritiert und fasziniert nähert sich der Besucher den fremden Bildern, die doch auf ihre Art einen Zugang versprechen. Wir sehen riesige Menschen, die uns anschauen und sich doch von uns abwenden. Schriftzeichen zieren die Bilder, die sich dem Besucher erst auf den zweiten Blick als verständliche Sätze offenbaren.

Drei Räume hat das über 50 Menschen große Team um Babej mit 15 Hauptbildern gefüllt. Jedes von ihnen behandelt ein unterschiedliches Thema von Zivilisation. Grob lassen sich drei Bereiche ausmachen: Politik, Gesellschaft und Ewigkeit. Dabei wurde jedes Bild zusammen mit einem studierten Ägyptologen konzipiert.

„Würden Ägypter heute auf diese Bilder blicken – sie würden zustimmend nicken.“ bestätigt Babej zufrieden.

Den Ägyptern ging es bei ihren Bildern nicht allein um die Ästhetik. Vielmehr ging es darum jeden Aspekt des menschlichen Körpers auf die repräsentativste Art und Weise darzustellen. Das führte dazu, dass wir dem Auge stets frontal begegnen, während sich das Gesicht nur aus dem Profil zeigt und von den Füßen sehen wir nur dessen Innenseite. Die Aspektive wurde geboren. Ein Bild vereint dabei gleich mehrere Perspektiven. Mit einem normalen Foto ist das nicht möglich. Um diese Idee umzusetzen musste das Team um Babej auf eine Montagetechnik zurückgreifen, wobei eine Figur aus bis zu 20 Bildern zusammengesetzt wird.

Figure--Lady-with-LotusWeiterhin bezeichnend für die altägyptische Kunst ist die Verschmelzung von Bild, Symbol und Text. Schriftzeichen wurden oft in die bildlichen Darstellungen integriert, die wiederum von bedeutungsträchtigen Symbolen geprägt war. Das Ergebnis lässt sich dann auf verschiedenen Ebenen lesen und mit einem Blick ist selten alles gesagt.

Ähnlich geht es uns  mit Babejs Produkten. Mit seinem aspektivischen Realismus hat er diese Kunst nicht nur wiederbelebt, sondern auch modifiziert. Ein Bild zitiert George Orwells Roman 1984: WHO CONTROLS THE PAST CONTROLS THE FUTURE (Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft), ein anderes thematisiert Diktatur, das nächste Überwachung.

Marc Erwin Babej provoziert, wie er es bereits 2014 im Rahmen seiner Serie „Mischlinge“ und dem Foto Cem Özdemirs im Olympiastadion getan hat. Heute wirft Babej sein kritisches Auge auf die Zivilisation und stellt die berechtigte Frage nach Weiterentwicklung.

Infos zu jedem Bild kommen aufs Smartphone

Etwas hat sich zumindest ganz sicher weiterentwickelt, und das ist die Technik. Die Ausstellung kommt gänzlich ohne Textschilder aus. Stattdessen hat der Besucher die Möglichkeit sein Smartphone (nach vorheriger Appinstallation, die kostenlos und einfach ist) auf das gewünschte Bild zu richten und schon erscheinen ihm auf dem Display die gewohnten Besucherinformationen zu den Bildern. Spannenderweise funktioniert diese Technik auch für das Buch, dass Babej zeitgleich mit den Bildern veröffentlicht. Das Buch enthält alle Bilder der Ausstellung jeweils mit Kommentaren der führenden Ägyptologen zu den einzelnen Umsetzungen. Das Wissen um die Hintergründe hat neben der Information selbst auch noch eine weitere Erkenntnisfunktion. Babej hat die Bilder ganz im Sinne der altägyptischen Kunst mit verschiedenen Informationsebenen versehen. „Mit gesteigerter Kenntnis werden die Bilder umso ergiebiger.“ Im alten Ägypten enthielt das gleiche Bild für einen Priester mehr Informationen als für den Sklaven. Mit diesem geschickten Kniff lädt Babej lächelnd zum Recherchieren, Wiederkommen und vor allem Nachdenken ein.

Besondere Führungen im RPM

Hildesheim hat die Ehre, die Weltpremiere der Ausstellung, am heutigen Donnerstag 30. April, zu eröffnen. Bis zum 17. September können Besucher sich die 15 monumentalen Reliefs im Römer Pelizäus Museum anschauen. Neben der normalen Besichtigung bietet das Museum zudem vier unterschiedliche, jeweils 60 minütige Führungen an. Die Kombiführung erläutert Babejs Sicht auf alte Vorstellungen und Wünsche. Die Kunstdialog-Führung legt den Schwerpunkt zwischen Historie und Gegenwart auf experimentelle Fragen und kritische Betrachtungen. Die Komfortführung lädt ein zum verweilen. In der Technikführung werden die innovativen Hintergründe in Punkto Augmented Reality und Photogrammetrie erläutert. Als Spezial bietet das Museum jeweils am 5. Mai und am 18 August um 18 Uhr einen 90 minütigen Rundgang mit den Künstler Marc Erwin Babej selbst an. Weitere Informationen können telefonisch erfragt (05121 93690) und den Internetseiten des Museums entnommen werden.

Über den Autor

Moritz Detje
Moritz Detje
Moritz Detje studiert seit dem Herbst 2014 Philosophie und Literatur an der Universität Hildesheim.

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