TOLL: HILDESHEIM FOR KULTURHAUPTSTADT

Stadtschild Hildesheim

Hildesheim soll sich als Kulturhauptstadt Europas bewerben. Die Unterstützer formieren sich. Und vergessen dabei, dass Hildesheim wichtigere Probleme hat.

Die CDU: sagt ja. Auch die Bundestagsabgeordnete Ute Bertram ist vom Kulturhauptstadt-Virus erfasst. „Wenn die Region sich mit Augenmaß, Sachverstand und Enthusiasmus an die Bewerbung macht, dann ist sie denkbar: die Europäische Kulturhauptstadt Hildesheim 2025!“, lässt sie mittels Pressemitteilung verlauten. Auch die Mehrheit im Kreistag scheint eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt zu unterstützen. Kürzlich sprangen auch die Unabhängigen auf den Bewerbungszug auf. Das durch Freundeskreis und Hildesheim blüht auf vorgestellte Konzepte habe überzeugt. Anders als man bisher dachte, sei die Bewerbung doch eine tolle Sache und man werde sie unterstützen.

Toll, kann man da nur rufen. Endlich passiert wieder was in Hildesheim. War ja auch viel zu lange nix los in unserer Möchte-gern-Großstadt. Das Stadtjubiläum und der Tag der Niedersachsen werden durch das Kulturhauptstadt-Jahr in den Schatten gestellt. Und Oberbürgermeister Ingo Meyer wünscht sich scheinbar auch nichts sehnlicher, als derjenige Verwaltungschef abzutreten, der Hildesheim auf den Weg zu Europas Kulturmetropole schlechthin gebracht hat. Ein Denkmal für Ingo.

Die Kassen sind leer

Lediglich Grüne und SPD verweigern sich der allgemeinen Euphorie und verweisen auf den nicht so vollen Stadtsäckel. Der ist nämlich in Wahrheit ziemlich leer und bietet kaum noch Spielraum für freiwillige Leistungen im Bereich Schule, Soziales und Sanierung. Und ausgerechnet diejenigen, denen man immer vorwirft, mit dem Geld nur so um sich zu werfen, machen jetzt einen auf Sparkommissar.

Dabei haben Sie absolut Recht. Die marode Finanzlage der Stadt lässt eine Bewerbung nicht zu. Und auch wenn die Unterstützer darauf verweisen, es gebe doch Fördermittel von EU, Bund und Land und außerdem seien doch auch genügend Sponsoren da, die das Vergnügen finanzieren können, verkennen diese die Realität. In Hildesheim verkommen die Straßen, ein Schlagloch reiht sich an das Andere. Für eine Weihnachtsbeleuchtung in der Innenstadt fehlen Stadt und Einzelhandel das Geld (hier geht es im Übrigen um eine Summe von etwa 200 000 Euro). Nachts ist Hildesheim in vielen Straßen trotz Straßenlicht unheimlich dunkel, weil die Stadt zum einen das Licht erst spät anschalten lässt und zum anderen scheinbar auch hier an der Lux-Zahl spart. Und an vielen Schulen fehlt es an Räumen, Einrichtung und Lehrkräften.

Apropos Kulturhauptstadt. Wo liegt denn eigentlich das Pfund, mit dem Hildesheim wuchern will? Beim TfN, dessen Inszenierungen besonders in dieser Spielzeit bisher wenig hergeben und die bei vielen Kulturschaffenden auf geteiltes Echo stoßen? An dem die Ensemblemitglieder und andere im künstlerischen Bereich mit einem Gehalt auf Mindestlohnniveau abgespeist werden? In einer freien Kulturlandschaft, die an chronischer Unterfinanzierung leidet?

Oder zählt am Ende für den Hildesheimer doch wieder nur, dass es im Jahr der Kulturhauptstadt in der Innenstadt möglichst viel Essens- und Getränkestände gibt und so die Möglichkeit hat, sich jeden Tag den Kopf zuzudröhnen um die Unzulänglichkeiten der kleinsten Großstadt Europas zu vergessen?

Kein Konzept, keine Ahnung

Das von den Unabhängigen angesprochene Konzept, das der Verein “Hildesheim blüht auf” vorgestellt hat, verdient im Übrigen nicht einmal den Namen. Konkrete Handlungsempfehlungen blieben offen, Wege, das Event zu finanzieren wurden nicht aufgezeigt. Es war eher eine Aneinanderreihung von Marketingphrasen, die da den Weg auf das Papier gefunden haben. Vergleiche mit anderen Städten wurden nur da genutzt, wo sie nützlich waren. Wurde es kritisch, verwies man gern darauf, dass man eben genau das, beispielsweise die Finanzierung, dann doch nicht miteinander vergleichen könne. Bis heute gibt es kein Konzept, das auch nur im Ansatz dazu geeignet wäre, eine Bewerbung auf den Weg zu bringen.

Eine Bewerbung Hildesheims zur Kulturhauptstadt ist unnötig und teuer. Verwaltung, Politik und alle Unterstützer sollten das Geld und die Kräfte lieber dafür nutzen, die bestehende Kulturlandschaft nachhaltig zu stärken. Hildesheim könnte mit gutem Beispiel voran gehen. Mit der Anhebung der Gagen am TfN zum Beispiel. Oder indem das Stadtmarketing kleine kulturelle Projekte unterstützt. Die Stadt könnte auch regelmässige, kleine Veranstaltungen anbieten, bei denen sich Kulturschaffende präsentieren können. In der Innenstadt gibt es genügend Plätze und Möglichkeiten, solche Events auf die Beine zu stellen. Hildesheim lebt Kultur, wäre ein schöner Slogan. Aber das wäre ja alles viel zu kompliziert. Da ist es doch einfacher, für ein Jahr Kulturhauptstadt zu werden. Dann schaut alle Welt auf Hildesheim. Das ist doch was. Darauf erstmal einen Glühwein.

Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.

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