TFN STELLT SICH BLACKFACING-KRITIK

"Das Geheimnis des Edwin Drood" am Theater für Niedersachsen. (Foto: Falk von Traubenberg)"Das Geheimnis des Edwin Drood" am Theater für Niedersachsen. (Foto: Falk von Traubenberg)

Die Diskussion um “blackfacing” am Theater für Niedersachsen in Hildesheim geht weiter. Nun meldet sich auch die Politik zu Wort. Das Theater schweigt öffentlich. Lädt aber zum Gespräch ein. 

HILDESHEIM. Ist es Rassismus, was die Zuschauer in den Vorstellungen von “Das Geheimnis des Edwin Drood” zu sehen bekommen? Oder sind die dunkel angemalten Gesichter zweier Hauptdarsteller einfach nur Bestandteil der Performance? Unsere Kritik am blackfacing, die wir absichtlich sehr zugespitzt formuliert hatten, erreichte nach kurzer Zeit auch die Politik. Dort und in der Öffentlichkeit selbst zeigte sich, dass sich vor allem die Jüngeren an dieser immer noch verwendeten Darstellungsform in Theatern stören.

Kritik von Grüner Jugend, Linken und Freien Demokraten

Die Grüne Jugend Hildesheim kritisiert jede Form von Alltagsrassismus scharf, auch die des Blackfacing, lässt Sprecher Jonathan Thurow mitteilen. Das Anmalen der Gesichter weißer Schauspieler, um schwarze Menschen darzustellen, stehe in einer langen, rassistischen Tradition. Auch durch die mangelnde Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte verharmlosen viele Menschen das Problem. “Wir als Grüne Jugend werden das Gespräch mit dem TfN suchen, um mehr zu dem konkreten Fall zu erfahren und kritisch über das Thema Blackfacing in der Kunst zu diskutieren”, so Thurow weiter.

Kritik kommt auch von der Linken. Maik Brückner, Mitglied des Stadtrates, betont, blackfacing habe nichts mit Freiheit der Kunst zu tun. “Dass Schwarze als “Unterhaltungsneger” eingesetzt wurden und werden und sie nur akzeptiert werden, wenn sie unterhaltende Funktion haben, ob in Musik oder Fussball, ist bis heute ein rassistisches Dispositiv, das unter dem Schleier der Anerkennung unsere Blicke formt”, so Brückner. Es sei scheinbar zu viel verlangt, schwarze Schauspieler unter gleichen in einem Ensemble anzustellen, die sowohl Julia als auch Othello verkörpern könnten. Dieser Habitus sorge dafür, dass Theater niemals ein wirklicher Spiegel der Gesellschaft sein könne, weil die meisten Theater auf weiße und deutsche Akteure setzten. “Dass Blackfacing auch heute noch in einem Theater wie dem TfN einfach praktiziert werden kann, ohne einen Aufschrei aus der Gesellschaft erwarten zu müssen, macht mich wütend”, erzürnt sich Brückner. Auch für Laura Hoffmann, Vorsitzende des Stadtverbandes der Freien Demokraten in Hildesheim, ist der gesellschaftliche Diskurs über blackfacing noch lange nicht beendet. “Nachdem blackfacing bereits 2014 aus guten Gründen zum Anglizismus des Jahres gewählt worden ist, sollte unsere Gesellschaft sehr sensibel mit solchen Praktiken umgehen und sich vor allem auch in die Lage einer betroffenen Person versetzen.” 

Von Seiten des Theaters gibt es bis zum heutigen Tag keine Stellungnahme zum Thema. Ein Facebook-Post des Teams der Nachtbar aber zeigt, dass es im internen Kreis scheinbar doch Diskussionen zum Thema gegeben haben muss. In ihrem Posting distanzieren sich Berit Wilschnack und Laura Zielinski von der angewandten Praxis. “Wir möchten uns klar von dieser rassistischen Theaterpraxis distanzieren. Das Thema wird innerhalb des TfN kontrovers diskutiert. Viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen teilen und unterstützen unsere Meinung” heißt es in dem Posting. 

Wenig Grund für Kritik gibt es seitens CDU, SPD und Grünen. “Im vorliegenden Fall dem TfN oder der Inszenierung Rassismus vorzuwerfen, ist abwegig”, äussert sich CDU-Ratsherr Mirco Weiß. Der kulturpolitische Sprecher der Fraktion attestiert dem TfN unter Umständen fragwürdige aber harmlose Kostümierung. Er sehe kein politisches Statement, das man kritisieren könne, so Weiß. Er selbst halte von blackfacing nichts, warnt aber davor, voreilig in Empörung zu verfallen.

Die stellvertretende Vorsitzende des Vereins “Freunde des TfN”, Doris Wendt, die zugleich für die Grünen im Aufsichtsrat des TfN sitzt, sprach sich in einer E-Mail sehr deutlich gegen den Vorwurf von Rassismus gegen das TfN aus. Es sei absurd, dem TfN und dem Theater im Allgemeinen, als “gesellschaftlich verantwortlichem Akteur eine in dieser Tradition verhaftete Ästhetik zu unterstellen – “hinsehen befreit” : auch auf die Ausgegrenzten und Beschädigten, wie die ausgezeichnete TfN-Produktion “Verbrennungen” unter Beweis stellt”, so Wendt. 

SPD und CDU sehen keinen Anlass zur Empörung

Die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Beate König, verteidigte das Vorgehen des TfN. “Die SPD lehnt jegliche Form des Rassismus ab. Gleichzeitig sind wir aber für die Freiheit der Darstellung. In dem von ihnen genannten Beispiel handelt es sich aber nicht um Diskriminierung.” Es sei eine Darstellung innerhalb der Divergenz einer Gesellschaft, betont König. Dabei verweist sie auf mögliche Diskussionen nach dem Ende der Vorstellung und greift dabei dem Theater vor. Denn erst am heutigen Dienstag lädt das TfN zu einer Gesprächsrunde über das Stück und das Stilmittel blackfacing ein. Dass es, wie König im Gespräch mit city.today behauptet, einen regelmäßigen Austausch im Anschluss an die Aufführung gibt, ist nicht korrekt. 

“Komischerweise werden Blackfacing oder auch andere rassistische Praktiken sehr oft von Menschen verteidigt die dieser Diskriminierung überhaupt gar nicht ausgesetzt sind”, fasst Maik Brückner die Diskussion zusammen. Für ihn und seine Partei ist klar, dass sie das Thema weiter diskutieren wollen. 

Eine Möglichkeit hierzu gibt es am Samstag, 8. April 2017. Unter dem Titel „nachgefragt“ laden Intendant Jörg Gade, Dramaturgin Astrid Reibstein und Mitglieder des Ensembles ins Foyer F1 ein. Beginn der Diskussion ist im Anschluss an die Vorstellung, gegen 22.40 Uhr. 

Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.

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