STILELEMENTE-MARTYRIUM BEI “EFFI BRIEST”

Lilly Meinhardt gelang es  als Effi Briest über weite Strecken, ihre Rolle glaubwürdig darzustellen. (Foto: Falk von Traubenberg, TfN)Lilly Meinhardt gelang es als Effi Briest über weite Strecken, ihre Rolle glaubwürdig darzustellen. (Foto: Falk von Traubenberg, TfN)

Theodor Fontanes gesellschaftskritischer Roman “Effi Briest” auf der Bühne – die Inszenierung von Petra Wüllenweber feierte am Samstagabend Premiere im Großen Haus. 

Eine Premierenkritik von Carla Neddermeier und Nina Bosse

Hier eine riesige Strickleiter, da ein Mikrofon, plötzliche Gesangseinlagen und aus der Rolle tretende Schauspieler – und worum ging es in der Szene jetzt noch gleich?

Eigentlich handelt Theodor Fontanes Roman von der 17 jährigen Effie Briest (Lilly Meinhardt), die gut behütet bei ihren Eltern aufwächst und deren liebste Beschäftigung es ist, sich in waghalsige Situationen zu begeben. Dieses Leben endet, als Baron von Instetten (Martin Schwartengräber) um ihre Hand anhält. Kurze Zeit später folgen die Hochzeit und der Umzug in das beschauliche Dorf Kessin. Doch das ausladende Haus gruselt Effi, die Umgebung ist ihr fremd und ihr Ehemann zeigt sich ihr gegenüber oft lieblos und uneinsichtig. Die Einsamkeit treibt die junge Frau schließlich in eine kurzweilige Affäre mit Major von Crampas (Moritz Nikolaus Koch). Jahre später fliegt diese auf.

Wo bleibt die Handlung?

Das traurige Schicksal Effis geht in der völlig überladenen Inszenierung von Petra Wüllenweber allerdings weitestgehend unter. Plötzlich springen Schauspieler in die Erzählperspektive, teilweise treten sie dabei erst auf die Bühne, oft aber reden sie direkt aus ihrer Rolle heraus (auch über Geschehnisse, von der die Rolle nicht wissen kann). Manchmal überqueren sie dabei auch die ganze Bühne, nur um ihren Text in ein Mikrofon sprechen zu können. Warum das jetzt sein muss, bleibt ungeklärt.

Es folgen einige Choreographien von Annika Dickel von an einer von der Decke hängenden Strickleiter sowie Gesangseinlagen. Diese ergeben allerdings in Zusammenspiel mit den altertümlichen Kostümen und der Originalsprache von 1896 keinen wohl platzierten Bruch, sondern hinterlassen ein unstimmiges Gesamtbild. Die Wenigsten im Publikum mögen verstanden haben, warum in der letzten Szene plötzlich auch noch englisch gesungen wird.

In der ganzen Inszenierung über folgt ein Element auf das nächste: Choreographie, Gesang, Erklärungen, Schattenspiele, Mikrofon, Gesang, Mikrofon, Erklärungen, aus der Rolle fallen, die Zuschauer anspielen, Mikrofon…

Kommt in der zweiten Hälfte dann endlich Spannung und Action?

Das Ende von Fontanes Roman ist zunächst vielversprechend: Die Affäre fliegt auf, Baron von Instetten fordert Major von Crampas zum Duell auf und tötet ihn dabei! Anschließend verstößt er Effi. Diese wird von der Gesellschaft, ja sogar von ihren eigenen Eltern, verstoßen und verfällt dem Alkohol – Ein tragisches Ende für so eine junge Frau.

Eigentlich.

Denn der rote Faden ist spätestens nach der Pause verloren. Statt hier den Fokus auf Fontanes Gesellschaftskritik zu legen, geht das Stilelemente-Martyrium weiter, bis man als Zuschauer kaum noch darauf achten kann, was in den letzten Szenen Inhaltliches passiert.

Das Ganze wirkt wie der verzweifelte Versuch, dem alten Stück etwas Modernes zu verleihen. Das Resultat sind sich ins Unendliche ziehende zweieinhalb Stunden, in denen die Aufmerksamkeit mehr auf der Uhr am Handgelenk als auf dem Stück liegt.

Da schafft es auch der leidenschaftliche Einsatz des Ensembles kaum, die Spannung zu halten. Den Schauspielern kann hier keine Schuld an der aufkommenden Langeweile gegeben werden. Besonders Gotthard Hauschild konnte die Stimmung mit seiner Darstellung des verschrobenen Apothekers Gieshübler auflockern. Auch Lilly Meinhardt gelang es als Effi Briest über weite Strecken, ihre Rolle glaubwürdig darzustellen. Man wünscht sich für die junge Schauspielerin allerdings, dass sie in ihren nächsten Rollen mehr Vielfalt zeigen kann.


EFFI BRIEST

Schauspiel nach dem Roman von Theodor Fontane
Für die Bühne bearbeitet von Petra Wüllenweber

Premiere 5. November 2016 im Großen Haus, Hildesheim
Aufführungsdauer ca. 2 Stunden 30 Minuten, inklusive einer Pause
Aufführungsrechte Theaterstückverlag Korn-Wimmer, München

Inszenierung Petra Wüllenweber
Bühne Matthias Werner
Kostüme Lisa Edelmann/Regina Rösing
Musik Katharina Kwaschik
Choreografie Annika Dickel
Mit Lilli Meinhardt (Effi Briest), Martin Schwartengräber (Geert von Innstetten), Katharina Wilberg (Luise von Briest/Johanna), Gotthard Hauschild (Herr von Briest/Gieshübler), Moritz Nikolaus Koch (Dagobert von Briest/Major von Crampas/Chinese), Katharina Kwaschik (Hertha/Roswitha)

Weitere Aufführungstermine sind auf den Internetseiten des Theater für Niedersachsen zu finden.

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