ONLINE? NICHT IN HILDESHEIM.

Digitalisierung

Der geplante Online-Marktplatz für die Händler und Kaufleute in Hildesheim ist gescheitert. Das Interesse daran war den Aufwand nicht wert. Und es stellt sich die Frage: wie online-affin ist Hildesheim eigentlich?

HILDESHEIM. Die Grenze war nicht sehr hoch. 40 Händler sollten sich an dem geplanten Online-Marktplatz in Hildesheim beteiligen. Am Ende kamen lediglich knapp über 20 zusammen. Das Projekt, das dem Hildesheimer Einzelhandel helfen sollte, ist krachend gescheitert. Den Kaufleuten war der Aufwand zu hoch, ihr Angebot auch online zu erfassen. Die Arbeitsgruppe, die über Monate an dem Projekt gearbeitet hatte, zeigt sich enttäuscht, will aber im kommenden Jahr einen neuen Anlauf unternehmen. Auch Oberbürgermeister Ingo Meyer, der zu den Befürwortern einer solchen Plattform gehörte, zeigte sich enttäuscht. 

Wie die Wochenendzeitung “Der Kehrwieder” in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet, war die Kritik innerhalb des Unternehmervereins “Die freundlichen Hildesheimer” groß. Der ehemalige Vorsitzende, Jörg Raderscheidt, zeigte sich geradezu erbost über das Scheitern des Online-Marktplatzes. Er spricht von “Dusseligkeit und Ignoranz der Händler”. “Wer nicht begreift, dass die Digitalisierung ein wichtiges Thema ist, wird in einigen Jahren nur noch vor sich hinkrepeln”, zitiert ihn das Blatt. Allerdings dürfte die Attacke ins Leere gehen. Bei der letzten Sitzung in der vergangenen Woche sollen nach Angaben des “Kehrwieder” gerade einmal 25 Mitglieder erschienen sein. Ein Bruchteil derer, die sich in der Vereinigung eigentlich engagieren. Diese Kritik nahm auch der Center-Manager der Arneken-Galerie auf. Dirk Fittkau sagte, es sei schon shizophren, wenn ausgerechnet die Geschäftsführerin einer Kaufhauskette die Leitung der Freundlichen Hildesheimer übernehme. Sandra Bracksieck wurde in der vergangenen Woche in ihrem Amt als Vorsitzende bestätigt. Ihr zur Seite als Stellvertreterin steht in Zukunft Katarina Semper von der Volksbank Hildesheimer-Börde. 

Ohne den Online-Markplatz sind auch die Chancen für ein flächendeckendes freies WLAN in der Fußgängerzone gen null gesunken. Die Schaffung war Teil eines entsprechenden Förderantrags beim Land Niedersachsen, den die Stadt nunmehr zurückzog. 


Online und Hildesheim. Das passt nicht zusammen
Ein Kommentar von Oliver Carstens

Die Fußgängerzone in Hildesheim. Nach 18 Uhr herrscht dort meistens gähnende Leere. Und auch tagsüber hält sich der Ansturm in der Innenstadt meist in engen Grenzen. Mit der Arneken-Galerie hat Hildesheim ein modernes, aber kaum genutztes Einkaufszentrum im Herzen der Stadt. Die Händler in der Innenstadt schieben die Schuld für den zurückgegangenen Umsatz gern auf die Galerie. Das ist ja auch leichter, als sich selbst zu hinterfragen, ob man denn genügend mit der Zeit geht. Doch immer nur meckern bringt die Stadt nicht weiter. Der Online-Marktplatz war eine Idee, wenn sie auch zehn Jahre zu spät kam, den Handel in der Stadt zu stärken. Dass dieses Projekt, das in anderen Städten ohne Probleme schon seit Jahren funktioniert, nun krachend gescheitert ist, zeigt, wie rückständig Hildesheim in Sachen Online doch ist. Anstatt die Chance zu nutzen, ihre Waren und Dienstleistungen auch online zu präsentieren, um sich auch neue Käuferschichten zu generieren, spricht Bände. Der Aufwand wäre natürlich zu Beginn des Projektes hoch gewesen. Doch auch hier hatten die Initiatoren vorgesorgt und studentische Hilfskräfte für den Online-Marktplatz gewinnen können (was auch ein fragwürdiges Modell ist). Dann aber hätten die Händler profitieren können. Dass man den Marktplatz mit einer eigenen freien WLAN-Struktur in der Innenstadt hätte verbinden können, in der dann auch gezielt Werbung für die teilnehmenden Geschäfte hätte geschaltet werden können, ist bei den Damen und Herren scheinbar nicht angekommen. So what, mag man da denken. Dann kaufe ich meine Waren eben weiter bei Amazon und Co. Für Hildesheim ist der gescheiterte Online-Marktplatz ein weiteres Armutszeugnis in Sachen Digitalisierung. Hildesheim und Online. Das scheint einfach nicht zu passen. Wenn die Händler irgendwann merken, dass eine Zeitungsanzeige eben kaum neue Kundenschichten erreicht, könnte es schon zu spät sein. Armes Hildesheim. 

Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.