NEUER ANLAUF: MEHRHEIT FÜR PVH-UMBENNUNG

Umstrittener Name: Der Hindenburgplatz in Hildesheim. Foto: CarstensUmstrittener Name: Der Hindenburgplatz in Hildesheim. Foto: Carstens

In Hildesheim wird mal wieder über die Umbennung des Hindenburgplatzes debattiert. Während das Rathaus erkennt, dass der Stadtrat zuständig ist, mehrt sich die Kritik. 

HILDESHEIM. Die Mehrheit stand. Im Ortsrat Stadtmitte sollte es heute soweit sein. SPD, Grüne, Linke und Unabhängige wollten dem Hindenburgplatz den Garaus verpassen. Doch dann meldete sich die Verwaltung und verwies darauf, dass für eine Umbenennung jetzt doch der Stadtrat zuständig sei. Die Verwaltung hatte sich nach einer Anfrage von Oststadt-Ortsbürgermeister Helmut Borrmann die Fläche des PvH zum wiederholten Male angesehen und dann bemerkt, dass sich die Fläche des Hindenburgplatzes bis auf den Fußweg der Goslarschen Straße 1 erstreckt. Im Verwaltungssprech heißt das, dass nun zwei Ortsräte mit der Angelegenheit befasst werden müssen. Und damit müsse sich der Rat der Stadt der Sache annehmen.

Doch auch dort scheint es eine Mehrheit für die Umbenennung zu geben. Auch dort gibt es eine Allianz aus SPD, Grünen und Unabhängigen, zu der sich noch die Linke gesellen könnte. Am kommenden Montag, 19. Dezember, tagt der Stadtrat zum letzten Mal in diesem Jahr.

Kritik an den Folgekosten

Der stellvertretende Ortsbürgermeister Nikolaus Schramm (FDP) stellt die Frage, ob die Befürworter der Umbenennung auch über die möglichen Folgekosten nachgedacht haben. „Es ist nicht mit einem neuen Schild getan. Vielmehr sind Änderungen erforderlich in den Aufzeichnungen bei Feuerwehr, Polizei, Rettungsdiensten, städtischen Dienststellen, bei den Stadtwerken, dem Finanzamt, beim Grundbuchamt, Deutsche Rentenversicherung, bei Brief- und Zeitungszustellern, Telekommunikationsanbieter, Taxizentrale, sowie Navigationssysteme und Kartenmaterial. Bis die letzte  Eintragung oder Veränderung vorgenommen ist, sind Kosten von bis zu einer Million Euro aufgelaufen.“

Schramm ärgert, dass die Kosten einer möglichen Umbenennung des Platzes von den Bürgern und Steuerzahlern getragen werden müssten. “Und nicht von den Befürwortern, die sich auf Kosten der Bürger ein gutes Gewissen erkaufen wollen.” Schramm befürchtet zudem auch ein mehrwöchiges Chaos für die Brief- und Paketzustellung, da ein Großteil der Poststücke innerhalb Hildesheims über die Postfiliale am Hindenburgplatz laufe.


Zur Geschichte des Hindenburgplatz: 

Das Areal vor dem Friesentor der Altstadt war ursprünglich Teil eines Festungsgeländes. Im Jahre 1834 bekam es zunächst den Namen Paradeplatz und 1933 Paul-von-Hindenburg-Platz. Der Name wurde 1950 auf Hindenburgplatz verkürzt. Immer wieder gibt es seitens Politik und aus der Stadtgesellschaft heraus Diskussionen, den Platz umzubenennen. 2008 befragte die Hildesheimer Allgemeine Zeitung ihre Leser. Nur 195 Leser beteiligten sich. Von denen waren aber 55,9 Prozent der Meinung, den alten Namen beizubehalten.

Wer war Paul von Hindenburg? Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg (* 2. Oktober 1847 in Posen; † 2. August 1934 auf Gut Neudeck, Ostpreußen) war ein deutscher Generalfeldmarschall und Politiker. Im Ersten Weltkrieg übte die von ihm geführte Oberste Heeresleitung von 1916 bis 1918 quasi diktatorisch die Regierungsgewalt aus. Hindenburg wurde 1925 zum zweiten Reichspräsidenten der Weimarer Republik gewählt. 1932 wurde er wiedergewählt. Am 30. Januar 1933 berief Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler (Machtergreifung). Außer Hitler gehörten mit Innenminister Wilhelm Frick und Hermann Göring als Minister ohne Geschäftsbereich nur zwei Nationalsozialisten dem neuen Kabinett Hitler an. Trotz seiner anfänglichen persönlichen Abneigung gegen Hitler, den er abschätzig den „böhmischen Gefreiten“ nannte, geriet Hindenburg immer stärker in dessen Einflussbereich. Am 1. Februar 1933 löste er den Reichstag auf. Die Verordnung zur Auflösung des Reichstages ist unterschrieben von Hindenburg, Hitler und Frick.

Im Laufe des Februars wurde eine ganze Reihe von Maßnahmen wie die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ und (unmittelbar nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933) die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ erlassen, mit denen die Grundrechte bis auf Weiteres (faktisch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges) außer Kraft gesetzt wurden. In der Folge kam es zu Massenverhaftungen von Anhängern der KPD und der SPD. Bei der von Propagandaminister Joseph Goebbels am 21. März 1933 (dem so genannten Tag von Potsdam) inszenierten Eröffnung des neu gewählten Reichstags in der Garnisonkirche wurde durch eine symbolische Verneigung Hitlers vor dem greisen Reichspräsidenten eine symbolträchtige Kontinuität zwischen der Kaiserzeit und dem Dritten Reich hergestellt und Hindenburgs hohes Ansehen für das neue Regime instrumentalisiert und vereinnahmt. 

Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.

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