NEIN ZUR KULTURHAUPTSTADT 2025

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Die Träumereien im Rathaus und in Teilen der Bürgergesellschaft gehen weiter. Hildesheim soll sich auf den Weg zur Kulturhauptstadt Europas machen. Eine Bestandsaufnahme. 

Ein Meinungsbeitrag von Oliver Carstens

HILDESHEIM. Es mag dem geneigten Leser der Morgenkaffee im Halse stecken bleiben, wenn er Aussagen wie diese lesen muss: “eine himmlische Perspektive mit wunderschönen Aussichten” sei eine mögliche Bewerbung Hildesheims zur Kulturhauptstadt, lässt der ehemalige HiAZ-Chefredakteur Hartmut Reichardt heute in seiner Hauszeitung verlauten. Peter Block, Vorsitzender des Freundeskreises 2025 der Kulturregion Hildesheim wird noch deutlicher. Er ist für die Kulturhauptstadt, weil “ich seit 20 Jahren in Hildesheim lebe und bereits eine tolle Stadtentwicklung mitgemacht habe.” Matthias Jung, Vorsitzender von “Hildesheim blüht auf” will die Bewerbung, weil “Hildesheim eine tolle Stadt ist”. Na, wenn das keine tollen Argumente sind. Das wird die europäische Jury sicher überzeugen. Tatsächlich aber muss man sich schon fragen, wie viel Realitätsverweigerung in diesen Aussagen steckt.

Sechs Männer sollen Hildesheims Bewerbung nach vorn bringen. Sechs Männer. Keine Frau. Auch das spricht nicht gerade für eine offene Bürgergesellschaft, wie sie die Herren Reichardt und Co. immer wieder propagieren.

Die Fakten:

Im April soll der Stadtrat darüber entscheiden, ob sich Hildesheim den Bewerbungsprozess zur Kulturhauptstadt leisten will. Bis heute, wenige Wochen vor der Abstimmung, gibt es kein durchdachtes Finanzierungskonzept. Wie hoch die Kosten bereits für die Bewerbung sein werden, bleibt im Unklaren. “Wir müssen uns erstmal auf den Weg machen”, ist das Mantra, das Befürworter immer wieder auf kritische Fragen nach der Finanzierung antworten. Zum Vergleich: Dresden hat sich bereits entschlossen, sich als Kulturhauptstadt Europas zu bewerben. Der Planungsprozess hat vor Jahren begonnen. Es gibt ein detailliertes Konzept über den Weg bis zur offiziellen Bewerbung. Ein Finanzierungsplan stellt detailliert dar, wie hoch die Kosten in den kommenden Jahren sein werden. Der Stadtrat konnte so eine kluge Entscheidung treffen.


Die Bewerbungen der Städte werden von einer internationalen Jury, die durch das Europäische Parlament berufen wird, bewertet. Die Kriterien sind:

  • Beitrag zur Langzeitstrategie (u. a. nachhaltige Kulturstrategie über das Veranstaltungsjahr hinaus)
  • Europäische Dimension (z. B. Förderung der kulturellen Vielfalt in Europa, des interkulturellen Dialogs und der Gemeinsamkeiten der Kulturen)
  • Kulturelle und künstlerische Inhalte
  • Umsetzungsfähigkeit (lokale, regionale und nationale politische Unterstützung sowie tragfähige Infrastruktur)
  • Erreichung und Einbindung der Gesellschaft (u. a. Schaffung neuer, nachhaltiger Möglichkeiten der Teilhabe)

Auf keine der geforderten Kriterien haben die Befürworter bisher eine Antwort. Es gibt weder eine kurzfristige noch eine Langzeitstrategie. Hier wird innerhalb kürzester Zeit über etwas entschieden, wofür andere Städte mehrere Jahre gebraucht haben. Dresden, eine Stadt mit ohnehin deutlich mehr kultureller Vielfalt, hat bereits vor Jahren mit der Ausarbeitung einer Bewerbungsstrategie begonnen. In Hildesheim machte eine Konferenz der Dammann-Stiftung Mitte 2015 den Anfang.

Eine europäische Dimension zur Förderung der kulturellen Vielfalt in Europa ist nicht zu erkennen, Auch die kulturellen und künstlerischen Inhalt sind bisher nicht erarbeitet. Außer Bekundungen aus den Orten des Landkreises, eine mögliche Bewerbung zu unterstützen, ist nicht klar, mit welchen kulturellen und künstlerischen Höhepunkten Hildesheim als Kulturhauptstadt punkten will. Auch die Schaffung neuer, nachhaltiger Möglichkeiten der Teilhabe werden bislang nicht aufgezeigt.

In Dresden hat ein breiter Beteiligungsprozess begonnen. Die Bürgerinnen und Bürger können sich mit eigenen Ideen an der Bewerbung beteiligen. Im Herbst will Dressen zu einer “Konferenz der Konkurrenten” einladen. Dresden zeigt, wie man so eine Bewerbung angeht und Kritiker überzeugen kann. Die Luftschlösser der Herren Reichardt und Jung können das nicht. Im Gegenteil. Mit diesen “Argumenten” aus den Reihen der Befürworter gibt man die Stadt der Lächerlichkeit preis.

Ein Denkmal für Meyer und Co.

Und auch der Oberbürgermeister spielt bisher eine zweifelhaft tragende Rolle. Ingo Meyer weiß, dass er voraussichtlich nur eine Amtszeit als Oberbürgermeister im Amt sein wird. 2022 könnte es für ihn vorbei sein, wenn er sich nicht für eine Partei entscheidet. Ein großes Bündnis wie bei seiner letzten Wahl, dass nur zu Stande kam, um den bis dahin im Amt befindlichen Kurt Machens zu verhindern, wird es aller Voraussicht nach nicht mehr geben. Da ist es gut, wenn Meyer ein Vermächtnis hinterlassen kann. Eine Bewerbung Hildesheims als Kulturhauptstadt Europas wäre immer mit seinem Namen verbunden. Zukunftsorientiert ist dieses Vorgehen des Oberbürgermeisters jedoch nicht. Es schadet eher den Chancen der nachfolgenden Generationen, wenn für eine Bewerbung ein zu erwartender zweistelliger Millionenbetrag aufgewendet werden muss. Meyer, der das Wohl aller Menschen in Hildesheim zu verantworten hat, handelt, genau wie Teile der Politik, verantwortungslos.


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Sollte sich Hildesheim um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025" bewerben?

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Der Weg zur Kulturhauptstadt soll das Ziel sein, betonen die Befürworter immer. Doch es gibt Alternativen. Ein Kulturentwicklungsplan, der politisch und gesellschaftlich erarbeitet wird, ohne dafür Millionen in ein öffentliches Verfahren zu stecken, ist möglich und die bessere Lösung. Es bräuchte nur einen anderen Namen für dieses Vorhaben. Der sollte aber nicht Bewerbung zur Kulturhauptstadt heißen. Hildesheim leistet sich einen aufgeblähten und ineffektiven Apparat im Bereich des Stadtmarketing. Hier wäre es Aufgabe des Aufsichtsrates, Hildesheim Marketing dahingehend aufzustellen, eine nachhaltige Kulturstrategie zu entwickeln. Es braucht keine Bewerbung als Kulturhauptstadt, die Geld verschlingt, das woanders dringend gebraucht wird.


Die nächsten Termine:

Am Donnerstag, 9. Februar, lädt Oberbürgermeister Ingo Meyer zu einem Informationsabend ins Rathaus ein. Beginn ist um 17 Uhr. Am Montag, 2. April, soll der Rat der Stadt über eine mögliche Bewerbung entscheiden.

Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.

2 Kommentare zu "NEIN ZUR KULTURHAUPTSTADT 2025"

  1. Der große Andrang bei der Veranstaltung im Rathaus stand im völligen Gegensatz zum offensichtlich fehlenden Enthusiasmus für dieses Vorhaben. Begeisterung habe ich an diesem Abend weder bei den Sprechern, noch unter den Zuhörern feststellen können. Trotz vieler anwesender Protagonisten, gab es keine einzige Stimme spontaner Befürwortung, sondern nur abgelesene, emotionslose Statements und Videosequenzen. So jedenfalls habe ich es wahrgenommen. Vielleicht habe ich aber auch die Veranstaltung einfach zu ernst genommen. Natürlich, wer würde sich nicht über den Titel freuen, doch mich erinnert das Ganze an die damalige Idee (von Hartmut Möllring), die Expo 2000 nach Hildesheim zu holen. Viel kosten darf und soll es nicht, denn Hildesheim steht noch Jahre unter strengster Finanzaufsicht des Landes, muss jeden Cent umdrehen, konnte sich jahrelang noch nicht einmal weiches Toilettenpapier leisten und bangt immer wieder um die Existenz von Theater, Museum und Musikschule. Die schriftlichen Unterstützungsbekundungen so mancher Hildesheimer Institutionen vermitteln einen stereotypen Eindruck, vermutlich gab es dafür Textmuster. Sie kosten ja auch noch kein Geld. Doch wie viele Hildesheimer Bürger kennen dieses Thema überhaupt? Wenn schon nur wenige Hildesheimer ins eigene Museum und Theater gehen, wie viele mögen dann die Kulturseite lesen und auf diesem Wege davon erfahren haben? Bevor die Stadt hierfür weiteres Geld in die Hand nimmt, sollte sie (wie bspw. Olympiabewerbung Hamburg) zuerst einen bindenden Bürgerentscheid herbeiführen. Denn das Motto lautet doch: „Du bist Kultur“. Das wäre „Teilhabe für mündige Bürger“. Doch machen wir uns nicht vor. Auch wenn schon kleinere Städte den Titel erhalten haben, so können wir uns dennoch nicht mit Weimar messen. Denn damit verbinden sich sofort Gothe, Schiller und die „Weimarer Republik“. Doch was an internationaler Bekanntheit Vergleichbares verbindet sich mit unserer Stadt? Die sogenannte „Umwegrentabilität“ ist genauso fraglich wie die so oft ausbleibenden „Synergieeffekte“. Schöne Zauberwörter am Anfang bedeuten noch lange keine schönen Ergebnisse am Ende des Tages. Und wenn schon beim „Kick off“ Stühle und Begeisterung fehlen, dann sollten wir es vielleicht besser gleich lassen.

  2. Warum wollen wir es noch einmal versuchen und welche Chancen haben wir, welche Moglichkeiten birgt eine Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas 2025 fur Kassel?

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