HERRLICH KOMISCH, ABER IMMER ERNST BLEIBEN

Hauptdarsteller Marek Egert (rechts) spielt Christopher Boone. (Foto: Andreas Quast, TfN)Hauptdarsteller Marek Egert (rechts) spielt Christopher Boone. (Foto: Andreas Quast, TfN)

Eine Welt auf den Kopf gestellt. Wie lebt ein Junge, der unter Asperger leidet? TfN-Intendant Jörg Gade will sich den Antworten nähern. Am kommenden Samstag feiert “Supergute Tage” Premiere am Theater für Niedersachsen.

HILDESHEIM. Christopher Boone, gespielt von Marek Egert, steht im Mittelpunkt der neuesten Inszenierung am Stadttheater Hildesheim. In “Supergute Tage”, das am kommenden Samstag, 25. März, um 19.30 Uhr, Premiere am TfN feiert, geht es um Autismus. Christopher ist Asperger-Autist. Seine Krankheit stellt ihn, seine Familie und sein Umfeld immer wieder vor neue Herausforderungen. Die Geschichte beginnt damit, dass Christopher den toten Hund seiner Nachbarin findet und diesen „Mord“ auf eigene Faust lösen möchte, um darüber ein Buch zu schreiben. Wie die meisten bekannten Asperger-Autisten kann Christopher Mimiken und Gestiken schlecht deuten, lässt sich ungern anfassen, verfügt aber über ein erstaunlich ausgeprägtes Talent in Mathematik und im logischen Denken. Für ihn muss alles seine akribische Ordnung haben. Auf de Suche nach dem „Mörder“ findet er auch allerhand über seine eigene Familie heraus und bricht schließlich ganz aus seinem gewohnten Umfeld aus, als er sich eigenständig auf eine Zugfahrt nach London begibt.

Christopher sitzt allein im Zug nach London und erklärt, wie wenig die „normalen“ Menschen doch sehen, wenn sie aus dem Fenster des Zuges blicken. Sie erwähnen, wie schön das Wetter doch ist, sind in den Gedanken jedoch ganz woanders. Sie sehen, aber nehmen kaum etwas davon wahr. Er hingegen sehe alles. Dabei zählt er verschiedene Bilder auf, die er als Informationen in seinem Kopf gespeichert hat. Beispielsweise sieht er eine Herde Kühe und kann augenblicklich die Anzahl an braunen und schwarzen Kühen nennen. Er sieht die Welt eben völlig anders, als die „normalen“ Menschen.

Dramaturg Gerd Muszynski erklärt, wie sich das Thema „Asperger-Syndrom“ auf das Stück auswirkt. Die Krankheit steht im Raum, und gehe uns alle an. Das Stück versucht die Gratwanderung, eine Mischung aus ernstem Hintergrund und Unterhaltung. Es bringt das vielleicht in manchen Situationen heikle Thema dem Zuschauer auf herrlich komische Weise näher, ohne die Betroffenen ins Lächerliche zu ziehen.

Das Ensemble informierte sich über YouTube mit Dokumentationen über das bereitete sich so auf die Proben vor.  Egert geht spielerisch mit der Herausforderung um und lässt die Mühe erkennen, die diese Rolle mit sich bringt. Er selbst versucht den Spagat, zwischen Realität und Spiel hin und her zu springen. Auch der Intendant wagt etwas Neues. Er lässt einen echten Hund mitspielen. Wie dieser Akteur auf die Regieanweisungen von Jörg Gade reagiert, werden die kommenden Abende zeigen. Das Bühnenbild spielt mit rollenden Türen auf denen ein Fragezeichen zu erkennen ist. Sie symbolisieren Christophers Eindrücke in einer ihm unbekannten Umgebung. Je fremder diese ist, desto mehr Türen sind zu sehen. So erscheinen in einer ihm vertrauten Umgebung keinerlei ?-Türen.

Im Interview mit Dramaturg Gerd Muszynski spricht Intendant Jörg Gade über sein neuestes, eigenes Regieprojekt. Hier geht es zum Interview auf der Internetseite des Theater für Niedersachsen.


Was ist Asperger-Autismus?

Etwa zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden an Asperger. Die Dunkelziffer hingegen liegt weitaus höher. Die Krankheit tritt schon in sehr früher Kindheit auf. Typische Anzeichen sind eingeschränktes Interesse an sozialen Neigungen, dafür jedoch besonders intensive Fixierung auf verschiedensten Themengebieten. Mit ihren für Gleichaltrige oft eigenartigen Interessen ecken sie oft an und werden deswegen als eigenbrötlerisch und sonderbar verschrien, was im Umfeld nicht selten zum Mobbing führen kann. Deswegen ist es umso wichtiger, die Gesellschaft noch mehr für dieses Thema zu sensibilisieren. Durch ihre Unwissenheit reagiert die Gesellschaft auf die Personen dementsprechend mit Ablehnung.

Asperger-Autisten können sich mithilfe einer Therapie an die alltäglichen Herausforderungen heranwagen, heilen kann man es allerdings nicht. Supplementär beziehen viele Hartz IV, da sie zwar über die erforderlichen Voraussetzungen verfügen, im Vorstellungsgespräch jedoch durchfallen. Grund dafür, ist ihr Mangel an sozialer Interaktivität und Empathie.

Vorreiter in diesem Fall ist die SAP, die extra Autisten für ihren Betrieb sucht. Im Assessment Center werden Gruppen von drei bis acht Autisten zusammengebracht, die verschiedene Aufgaben lösen müssen. Ihre individuelle Herangehensweise wird hierbei sehr genau analysiert. Die zukünftigen Mitarbeiter arbeiten dann in verschiedenen Teams gemeinsam mit anderen „normalen“ Leuten. Die neuen Kollegen erhalten extra Schulungen zu dem Thema, damit sich auch alle richtig verhalten können und niemand in seiner Arbeit eingeschränkt wird. Ebenso stärkt es die Zusammenarbeit und das Zusammengehörigkeitsgefühl.


Die Premiere von “Supergute Tage” findet am kommenden Samstag, 25. März, um 19.30 Uhr im Großen Haus des Theater für Niedersachsen statt. Karten sind im Service-Center oder online unter www.tfn-online.de erhältlich.

Über den Autor

Yeliz Yapici
Yeliz Yapici
Mein Name ist Yeliz Yapici und am 12. Mai werde ich 24 Jahre alt. Zurzeit hole ich meine Fachhochschulreife an der Friedrich-List-Schule in Hildesheim nach. Von 2013 bis 2015 absolvierte ich eine Ausbildung zur kaufmännischen Assistentin für Fremdsprache und Korrespondenz. Danach begann ich eine zweite Ausbildung als Kosmetikerin, die ich jedoch abgebrochen habe, da ich merkte, dass dieser Beruf mich auf Dauer nicht erfüllen wird. Also entschloss ich mich noch einmal die Schule zu besuchen, um im Anschluss Journalismus studieren zu können. Der Beruf hat mich schon immer fasziniert. Als Journalist muss man redegewandt sein und trotzdem hartnäckig. Den Dingen auf den Grund gehen und alles genau zu hinterfragen, gehört zu den bedeutendsten Eigenschaften dieses Berufs.

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