Kommentar: Ein Plädoyer gegen vorschnelle Schlagzeilen

Am 13. Februar 2015 marschierten Rechte und Linke durch die Stadt. Die Polizei konnte Übergriffe verhindern. (Archivfoto: Carstens)Am 13. Februar 2015 marschierten Rechte und Linke durch die Stadt. Die Polizei konnte Übergriffe verhindern. (Archivfoto: Carstens)

Was können Medien am besten? Aufregung verbreiten. So auch im Falle eines Übergriffs am Hildesheimer Hauptbahnhof, der schnell zum Angriff von Rechten wurde. 

Ein Kommentar von Oliver Carstens

HILDESHEIM. “Übergriff von Rechten am Hildesheimer Hauptbahnhof”, “Asylbewerber von Rechten angegriffen” – so oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen am Montag.


 


Auch die Hildesheimer Polizei und insbesondere deren Polizeichef, Uwe Lühring, Präsident der Polizeidirektion Göttingen, sah sich genötigt, die Pressemitteilung der Polizei mit einem Aufruf zu versehen: “Die Übergriffe auf Flüchtlinge in Hildesheim sind nicht akzeptabel. Wir lassen keinen Raum für rechtes Gedankengut oder politisch motivierte Straftaten aus dem rechten Spektrum. Die Polizei Hildesheim ist unmittelbar nach dem Vorfall konsequent mit starken Kräften gegen die Straftäter vorgegangen und setzt mit der Einrichtung einer Ermittlungsgruppe ein deutliches Signal für eine schnelle Aufklärung.” Ein politisches Statement, noch bevor es überhaupt gesicherte Erkenntnisse darüber gab, wer denn die Angreifer waren.

Am Dienstag dann die Entwarnung. Keiner der Täter sei der Polizei als Vertreter der rechten Szene bekannt. Die Tat habe keinen rechtsextremistischen Hintergrund.

Nun soll das die Tat keineswegs entschuldigen oder abwerten. Es ist jedoch bemerkenswert zu sehen, wie schnell auch Medien reflexartig reagieren, ohne Ermittlungen abzuwarten und Fakten zu prüfen. Ja, am Hildesheimer Hauptbahnhof sind sind zwei Männer angegriffen und ein weiterer verletzt worden. Ja, die Täter sollen die Männer, die einen Migrationshintergrund haben, beschimpft haben. Am Ende aber soll es wohl aus einer Alkohollaune heraus passiert sein. Schnell wird Hildesheim als Stadt mit einem Angriff von Rechten gebrandmarkt, die Stadt mit Heidenau oder Freital gleichgesetzt. Dass die Flüchtlingsarbeit in Hildesheim vorbildlich funktioniert, rückt dabei in den Hintergrund.

Gewalt ist immer zu verurteilen – gesundes Augenmaß bei der Beurteilung aber hilfreich

Gewalt ist immer zu verurteilen. Kein Thema waren aber in der Berichterstattung über die Gegendemonstration, dass linke Demonstranten nach der Demo in der Nordstadt Scheiben eingeworfen haben. Auch das sind Einzelfälle, finden aber in der täglichen Berichterstattung kaum statt. Dass die Täter aus Hildesheim keinen rechtsextremen Hintergrund haben, war der hiesigen Tageszeitung immerhin 17 Zeilen Berichterstattung in einem Artikel über die Demonstration gegen Rechts wert. Die “Hannoversche Allgemeine Zeitung” und die “Neue Presse” hingegen verzichteten, auch online, auf einen entsprechenden Bericht. So eine Nachricht verbreitet sich eben nicht so schön, wie tags zuvor, als man dramatischer Schlagzeilen verbreiten durfte.

Medien haben eine besondere Verantwortung

Es wäre uns allen zu wünschen, nicht vorschnell zu urteilen. Den Medien kommt dabei eine besondere Verantwortung zu. Schlagzeilen wie “Rechte greifen Asylbewerber an”, wie man sie am Dienstagmorgen in der Tageszeitung lesen muss, sollten einer Faktenprüfung Stand halten. Das hat mit journalistischer Sorgfalt zu tun. Und mit einem wohlfeilen Anspruch an das eigene Tun. Stellen sich solche Schlagzeilen im Nachhinein als falsch heraus, untergräbt das weiter die Autorität und die Glaubwürdigkeit von Medien.

Auch die Polizei und insbesondere deren Präsident haben sich mit ihrem Vorpreschen und ihrer politischen Stellungnahme keinen Gefallen getan. Die Polizei soll aufklären und sich auf die Ermittlungsarbeit konzentrieren. Für die politische Beurteilung sind andere zuständig.

Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.

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