EIN LEBEN AN DER BELASTUNGSGRENZE

Marek Egert und Michaela Allendorf suchen die Öffentlichkeit und den Kontakt zur Politik. (Foto: Oliver Carstens)Marek Egert und Michaela Allendorf suchen die Öffentlichkeit und den Kontakt zur Politik. (Foto: Oliver Carstens)

Sie arbeiten, wenn wir Feierabend haben. Sie stehen auf der Bühne, um uns zu unterhalten. Doch der vermeintliche Traumberuf hat seine Schattenseiten. 

HILDESHEIM. Schauspieler arbeiten, wenn andere Feierabend haben. Sie stehen bis spät abends auf der Bühne, spielen und proben an Wochenenden, lernen ihren Text in der Freizeit. Ihre Bezahlung: meist alles andere als üppig. Doch rebellieren gegen einen Vertrag, der für jeden Arbeitgeber ein wahrer Traum sein muss, ist nicht drin. Denn immer spielt die Angst mit, die laufende Spielzeit könnte die letzte sein.

Michaela Allendorf und Marek Egert suchen die Öffentlichkeit. Und die Nähe zur Politik. Die beiden Schauspieler am Theater für Niedersachsen haben vor einigen Wochen die Aktion “40 000 Theatermitarbeiter treffen ihre Abgeordneten” des Ensemble Netzwerkes unterstützt und sich dazu mit Ottmar von Holtz getroffen. Der Landtagsabgeordnete der Grünen war der Erste, den Allendorf und Egert auf ihre Situation aufmerksam machen konnten. Weitere Treffen sollen folgen. Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Bernd Lynack hatte signalisiert, das Gespräch suchen zu wollen.

Spagat zwischen Anspruch und Sparsamkeit

Die Rahmenbedingungen setzt die Politik, die Geld für Kultur und Kunst an öffentlich geförderten Theatern zur Verfügung stellt. Das Theater für Niedersachsen, an dem Allendorf und Egert arbeiten, wird von Stadt, Kreis und Land finanziert. 0,2 Prozent der Gesamtausgaben fließen in den Kulturbereich. Die Intendanten, am TfN Jörg Gade, sind stets gefordert, den Spagat zwischen anspruchsvollen Inszenierungen und möglichst sparsamen Wirtschaften hinzubekommen.

Die Schauspieler Moritz Nikolaus Koch und Lilli Meinhardt bei den Proben zu Effi Briest am Theater für Niedersachsen in Hildesheim. (Foto: Oliver Carstens)

Die Schauspieler Moritz Nikolaus Koch und Lilli Meinhardt bei den Proben zu Effi Briest am Theater für Niedersachsen in Hildesheim. (Foto: Oliver Carstens)

“Es stellt sich die Frage, was Theater heute können muss”, sagt Allendorf, die am TfN in ihrer zehnten Spielzeit angekommen ist. Kollege Egert ist seit drei Jahren am Hildesheimer Theater. Er ist inzwischen Ensemblesprecher und sucht die Diskussion mit Theaterleitung und Politik. Die Sparzwänge der vergangenen Jahre haben nach Ansicht beider dazu beigetragen, dass Theater immer ängstlicher agieren. “Es wird geschaut, wie man einigermaßen erträglich auskommt, das geht natürlich zu Lasten der Qualität”, gibt Allendorf zu Bedenken. Mehr Geld für die Theater fließt zudem meist überall anders hin, bei den Theatermitarbeitern freut man sich, wenn die Mindestgage, die den Arbeitnehmern zusteht, wie erst kürzlich, mal vorsichtig erhöht wird. Auf jetzt 1850 Euro. Brutto wohlgemerkt.

Der sogenannte Normalvertrag Bühne (NV Bühne) regelt, was Theatermitarbeiter im künstlerischen Bereich verdienen. Wieviel Urlaub sie haben. Dass ihr Vertrag stets nur für ein Jahr gilt. Und dass sie sich einer steten Überwachung durch ihren Arbeitgeber unterwerfen müssen. Halten sie sich außerhalb des Theaters auf, müssen sie einen Urlaubsschein ausfüllen, mitteilen, an welchem Ort sie sich befinden und eine Telefonnummer angeben, unter der sie erreichbar sind. Der  Vertrag gilt nicht nur für die Schauspieler. Auch Dramaturgen oder Theaterpädagogen müssen den Vertrag unterschreiben. Eine feste Arbeitszeit nach Stunden ist ebenfalls nicht Teil des Vertrages und öffnet Tür und Tor für überarbeitete Mitarbeiter.

Die Folgen kennt auch Schauspielerin Lisa Jopt. „Die Leute fallen um wie die Fliegen. Schon Berufsanfänger leiden an Burnout“, berichtet sie in der “Mittelbayrischen Zeitung” Auch sie ist ein Teil des Systems, arrangierte sich mit der hohen Arbeitsbelastung. Jetzt ist sie Oldenburger Staatstheater tätig und stellte fest, dass es auch anders geht. “Die Anproben von Kostümen finden dort während der Arbeitszeit und nicht in der Freizeit statt, Samstagsproben sind eher Ausnahme als Regel”,  berichtet sie. Wenn Oldenburg das schafft, muss das auch an anderen Theatern funktionieren, dachte sie sich und gründete im Mai 2015 das Ensemble-Netzwerk. Bessere Arbeitsbedingungen und eine gerechtere Bezahlung von Schauspielern, Regieassistenten, Dramaturgen und anderem künstlerischen Personal ist das Ziel der Vereinigung, die schon jetzt 700 Mitglieder zählt.

Einen freien Tag gibt es nach 13 durchgearbeiteten Tagen

Ihr Arbeitstag beginnt offiziell um 10 Uhr morgens. “Den genauen Tagesplan bekommen wir meist am Vortag gegen 14 Uhr”, berichten Michaela Allendorf und Marek Egert, die von teilweisen Verbesserungen der Bedingungen am Theater für Niedersachsen berichten. “Seit Beginn dieser Spielzeit haben wir an Samstag weniger Proben und der Sonntag ist in der Regel frei, es sei denn, es ist Vorstellung.” Fünf freie Tage stehen ihnen in jeder Spielzeit außerhalb ihres regulären Urlaubs zu. Den können sie aber nur einmal im Jahr nehmen, am Stück. “In den Theaterferien, denn in der Spielzeit werden wir ja gebraucht.” Geprobt wird dann bis 14 Uhr. Nach einer vierstündigen Pause geht es um 18 Uhr weiter. Zu Ende ist der Probentag dann gegen 22 Uhr.


Unter folgendem Link kann der Normalvertrag Bühne abgerufen werden: 
http://www.theater-betriebsrat.de/Bilder/NV_Buehne2011.pdf


Zu den regulären Probentagen kommen Teilnahmen an Matineen oder an sonstigen Veranstaltungen des Theaters. Frei zu bekommen an Heiligabend oder am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, ist beinahe aussichtslos. Und auch an den Weihnachtstagen, wenn andere mit ihrer Familie unterm Weihnachtsbaum sitzen, muss der Betrieb weitergehen. “Nach 13 durchgearbeiteten Tagen steht uns ein Ausgleichtag zu”, berichtet Allendorf. Zuschläge an Sonn- und Feiertagen? Fehlanzeige. Auch solche Tage sind reguläre Arbeitstage.

Sie wollen vor allem die Politik sensibilisieren, denn immerhin sind es die Abgeordneten, die über Wohl und Wehe der öffentlichen Theater entscheiden. “Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Finanzminister von Bund und Ländern zwar selbst gern ins Theater gehen, ihnen aber die Sensibilität für die Theatermitarbeiter oftmals fehlt”, weswegen, sie jetzt den Dialog mit der Politik suchen. Grüne und SPD zeigten sich offen für Gespräche, von CDU und FDP kam auf ihre Anfrage nicht mal eine Antwort.


Mehr Rechte – das will das ENSEMBLE-NETZWERK
Die vor etwas mehr als einem Jahr gegründete Bewegung setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen und eine gerechtere Bezahlung von Schauspielern und anderem künstlerischen Personal ein.

Etwa 21.000 künstlerische Mitarbeiter gibt es an den öffentlich getragenen Theatern. Wenige sind gewerkschaftlich organisiert, etwa in der Bühnengenossenschaft GDBA. Deren Präsident, Jörg Löwer, begrüßt das Engagement, verweist aber zugleich auf die Verantwortung der Politik: „Man kann Theater nicht losgelöst von den politischen Entscheidungsträgern sehen, die die Bühnen finanzieren”, sagte er der Deutschen Presse-Agentur (dpa).  Es sei nicht zu übersehen, „dass der Rationalisierungsdruck der letzten Jahre in einigen Bereichen zu geringeren Gagen und einer starken Arbeitsverdichtung geführt hat“, erkennt der Direktor des Bühnenvereins, Rolf Bolwin, auf Arbeitgeberseite an. Und betont, dass es so nicht weitergehen könne. Eine Erhöhung der derzeit geltenden Mindestgage sei aber nur möglich, wenn die Politik ihre Verantwortung kenne und übernehme.
Mehr Infos zum Ensemble Netzwerk gibt es im Internet: www.ensemble-netzwerk.de

Rede der Vorsitzenden des Ensemble Netzwerks, Lisa Jopt, anlässlich des ersten bundesweiten Treffens 2016

Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.

2 Kommentare zu "EIN LEBEN AN DER BELASTUNGSGRENZE"

  1. Sehr geehrte Leute,
    schön, dass die Medien aufmerksam sind und sich dem Thema widmen. Unschön, dass Details nicht stimmen. Das Arbeitszeitgesetz steht über NV-Bühne. D.h. unter Anderem – 24.12. und 1. Mai sind bundesweit einzuhaltende Feiertage, an denen auch Theater nicht arbeiten und: ausgefallene Sonn- und Feiertage müssen (auch bei NV-Bühne) an anderer Stelle ersetzt werden. etc.
    Bitte besser recherchieren, sonst wird das Thema nie ernsthafte Auseinandersetzungen bekommen.
    l.G. Ulrich Gall (Schauspieler)

    • Lieber Herr Gall, danke für Ihre kritischen Anmerkungen. Wir haben natürlich zu dem Thema recherchiert.
      In §57, Abs. 1 des NV Bühne heißt es: Die Beschäftigung an Sonn- und Feiertagen wird durch die während des Ausgleichszeitraums einer Spielzeit eintretende Freizeit ausgeglichen. (…) Am 1. Mai und am 24. Dezember können freie Tage nicht gewährt werden.”

      Beste Grüße aus der Redaktion, Oliver Carstens

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