EIN KANDIDAT OHNE ANTWORTEN

Kahzlerkandidat und Parteichef. Martin Schulz soll die SPD wieder auf die Gewinnerstraße führen. (Foto: Webseite Martin Schulz)Kahzlerkandidat und Parteichef. Martin Schulz soll die SPD wieder auf die Gewinnerstraße führen. (Foto: Webseite Martin Schulz)

Nach seiner Nominierung als Kanzlerkandidat und Parteichef der SPD war Martin Schulz am Sonntag omnipräsent. Dabei war er schon ganz staatstragend: viel redend, ohne etwas zu sagen. 

Ein Kommentar von Oliver Carstens

Der Kandidat ist neu. Doch die Partei, für die er antreten wird ist, mit einer kurzen Unterbrechung von vier Jahren, seit 19 Jahren in politischer Verantwortung, In vielen Bundesländern sitzt die SPD ebenfalls auf der Regierungsbank. Doch der Begeisterung über den Neuen, den Mann, der der schwächelnden Sozialdemokratie nun wieder auf die Beine helfen soll, tut das keinen Abbruch. Martin Schulz ist der Hoffnungsträger einer Partei, die ihre Existenzberechtigung schon lange verloren zu haben scheint. Sozialdemokratisch ist heute auch die Union, zumindest aber die Kanzlerin. Sie ist sozusagen die Geschäftsführerin einer großen CDUSPD, die ab und an ihre bösen Söhne und Töchter in Bayern wieder einfangen muss.

Jetzt also Martin Schulz. Einer von ihnen. Ein ehemaliger Bürgermeister. Einer, der weder Abitur noch Studium hat. Ein echter Arbeiter, der sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen hat. Er, der überzeugte Europäer, langjähriger Vorsitzender des Europäischen Parlaments. In der Innenpolitik unerfahren, aber auf internationalem Parkett gehört Schulz eben doch zum Establishment.

Nach der Party in die Fernsehstudios

Schulz absolviert einen wahren Marathon-Sonntag. Erst die große Nominierungs-Party im Willy-Brandt-Haus, bei der die SPD wohl alle Mitarbeiter, Freunde, Kinder und Genossen aktivieren konnte, ihren Sonntag in der Parteizentrale zu verbringen. Während der Übertragung der Fernseh- und Webcambilder sieht man viele jungen Menschen hinter dem neuen, designierten Parteichef und gefühlt Fast-schon-Bundeskanzler Martin Schulz. Es sind scheinbar die einzigen jungen Menschen, die man, marketing-schlau, direkt hinter Schulz platziert hat.

Der Party folgt der Lauf durch die Fernsehstationen. Angefangen bei “Was nun… Herr Schulz”, wo sich Bettina Schausten und Peter Frey mühen, dem Kandidaten überhaupt mal etwas Konkretes abzugewinnen. Beispielsweise, welchen Anteil denn die SPD daran hat, dass es vielen Menschen in Deutschland heute gefühlt schlechter geht. Dass die Schulen verfallen und die Bildung seit Jahren den Bach runter geht. Die Antworten darauf bleibt Schulz schuldig. Auch später bei “Anne Will” kennt der geneigte Zuschauer die Botschaften des Kandidaten schon. Typisch Sozialdemokratisch eben. Mehr Gerechtigkeit. Mehr Bildung. Und der geneigte Zuschauer könnte sich fragen, wo denn eigentlich die SPD in den vergangenen 19 Jahren so gewesen ist. Ach ja. Auf der Regierungsbank. Schulz offenbart dabei, in welchem Dilemma die Partei wirklich steckt. Die SPD will nach der Bundestagswahl die stärkste Partei in Deutschland sein. Doch ihre Rezepte wirken nicht mehr. Daran kann auch ein Kanzlerkandidat abseits der Großen Koalition nichts ändern. Das Land gerechter machen. Den Kommunen helfen, die Schulen besser auszustatten. Bessere Bildung ermöglichen. Dazu hatte die SPD über Jahre Gelegenheit. Stattdessen: Rentenpaket zu Lasten der nachfolgenden Generationen, Mindestlohn, steigende Abgaben, mehr Bürokratie – all das sind Projekte, bei denen man gar nicht mehr weiß, ob sie schwarze oder rote Handschrift haben.

Die Rede des Kanzlerkandidaten hat keine neue Klarheit geschaffen. Martin Schulz präsentierte eine lange Liste neuer Ausgabenwünsche. Wie aber der Wohlstand erwirtschaftet werden soll, der uns Land trägt, diese Antwort bleibt der neue Hoffnungsträger schuldig.

Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.

2 Kommentare zu "EIN KANDIDAT OHNE ANTWORTEN"

  1. Carmen Drohla-Kaßner | 30. Januar 2017 um 18:00 | Antworten

    Lieber Herr Carstens,
    Ich bin nicht ihrer Meinung, die Aufbruchstimmung die durch Herrn Schulz aufkommt kann dieses Land sehr gut gebrauchen. Die SPD ist mit in der Regierung, dadurch muss sie viele Kompromisse eingehen, was natürlich dazu führt, dass manche Dinge nicht optimal ausgeführt werden können. Natürlich geht es sicherlich noch besser, aber nicht in einer großen Koalition. Das es unserem Land derzeit noch so gut geht liegt meiner Meinung nach auch mit anderen so gehassten Agenda 2010, die ganz viele harte Einschnitte gebracht hat. Dies kann man aber wieder verbessern. Ich checke glaube an Martin Schulz, denn wenn nicht gewählt wird, kann man ihn auch hinterher nicht an dem Messen was er getan hätte.

  2. Johannes Diestelmann | 2. Februar 2017 um 22:12 | Antworten

    Wie aber der Wohlstand erwirtschaftet werden soll, der unser Land trägt? Das ist doch auch eine Phrase. Sie wird beantwortet durch die Tatsachen eines gigantischen Exportüberschusses, der das Land in die Schusslinie einer populistischen Präsidentschaft bringt, und eines riesigen Haushaltsüberschusses. Immer noch nicht gemerkt, dass jetzt investiert werden muss?

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