EDWIN DROOD: LIEBER EIN GUTES BUCH LESEN

"Das Geheimnis des Edwin Drood" am Theater für Niedersachsen. (Foto: Falk von Traubenberg)"Das Geheimnis des Edwin Drood" am Theater für Niedersachsen. (Foto: Falk von Traubenberg)

Es hätte ein neuer Kassenschlager werden können. Doch das interaktive Musical „Das Geheimnis des Edwin Drood“ gerät zur völlig misslungenen Darbietung.

HILDESHEIM. Die Grundidee ist natürlich toll. Weil Autor Charles Dickens mitten in der Arbeit zu seinem Roman „Das Geheimnis des Edwin Drood“ verstarb, machte sich Rupert Holmes daran, aus dem Roman ein Musical zu machen. Nachdem sich ein Großteil der englischen literarischen Welt an Dickens Roman abgearbeitet hatte, wollte Holmes etwas ganz Neues wagen. Er wollte kein eigenes Ende der Erzählung erarbeiten, sondern jeden Abend das Publikum entscheiden lassen, wer der Mörder von Edwin Drood ist. Nachdem sein Muscial am 2. Dezember 1985 am Broadway im Imperial Theater uraufgeführt wurde, heimste „Das Geheimnis des Edwin Drood“ direkt drei Tony Awards für die beste Musik, das beste Buch und das beste Musical ein.

Scheinbar Grund genug für die Verantwortlichen am Theater für Niedersachsen, auch auf Hildesheims Bühne diesen Klassiker zu spielen. Regisseur Craig Simmons, der in der kommenden Spielzeit die Leitung der Musical Company übernehmen soll, durfte sich versuchen. Dabei orientiert sich Simmons eng an der Originalvorlage. Ein Grund, warum man ihm für diesen misslungenen Abend nur bedingt einen Vorwurf machen kann.

Die Story ist schnell erzählt. Edwin Drood (gespielt von Teresa Scherhag), ein junger Mann mit viel versprechender Zukunft, plant nach der Hochzeit mit der seit Kinderzeiten für ihn bestimmten Rosa Budd (Sandra Pangl), nach Ägypten zu gehen. Doch sein Onkel John Jasper (als Gast Fabian Egli) ist unsterblich in die junge Frau verliebt. Er versucht, in der Opiumhölle von Prinzessin Puffer sein Schicksal zu vergessen. Als auch noch der aus Ceylon mit seiner Schwester Helena angereiste Neville Landless Rosa verfällt, kommt es am Weihnachtsabend zum Eklat. Von einem gemeinsamen Spaziergang an einem stürmischen Abend kommt Neville allein zurück. Edwin bleibt verschwunden. Lediglich ein blutiger Mantel wird gefunden. Von nun an geht das Rätseln los. Wer hatte den besten Grund, Edwin zu töten? War es der eifersüchtige Onkel, der Gast aus Indien oder doch die Geliebte selbst?

Ein enttäuschender Musicalabend

Eine Geschichte mit einhundert möglichen Enden kündigte Simmons vor der Premiere an. Ein Stück voller Spannung und Kribbeln. Tatsächlich aber ist die Geschichte platt, wenig spannend. Die Interaktion mit dem Publikum besteht darin, möglichst wenig zu improvisieren, sondern nah am Text Schein-Dialoge mit den Besuchern zu führen. Noch am besten gelingt das Alexander Prosek, der als Principal dafür verantwortlich ist, seine Bühnentruppe immer wieder zu disziplinieren und auf die Reihenfolge der Dickensschen Erzählung zu achten. Die zweite Ebene an diesem Abend spielt nämlich abseits von Dickens Roman, sozusagen vor der Bühne. Die Musical Company des TfN spielt sich selbst, oder besser gesagt ein ziemlich schlechtes Amateurensemble, das sich im Stil der britischen Music Hall Companys versucht. Die Figuren sind derart überzeichnet, dass die im Skript stehenden Gags nicht witzig rüberkommen, sondern einfach nur plump und ohne Niveau. Und auch stimmlich kann an diesem Abend beinahe niemand aus dem ansonsten so starken Ensemble überzeugen. Am ehesten gelingt das noch Judith Bloch, die als Prinzessin Puffer zwar wieder einmal die verruchte Schlampe spielen muss, dies aber gesanglich sehr gut macht.

Wer von „Edwin Drood“ einen Kassenschlager nach Art der letztjährigen „Dracula“-Inszenierung erwartet hatte, wird an diesem Abend nicht nur einmal enttäuscht. Denn weder macht die schauspielerische Darbietung des Ensembles Spaß, noch geht die Musik ins Ohr. Das Orchester unter der Leitung von Leo Siberski müht sich redlich, doch richtig Stimmung will unter den Besuchern nicht aufkommen. Es fehlt an einem echten musikalischen Leckerbissen, einem Song, der die Zuschauer aus ihrer Lethargie reisst. Die Handlung auf der Bühne tut das nicht und so wird schon der erste Akt zu einer echten Hängepartie, in der mancher öfter auf die Uhr als auf die Bühne schaut.

Der zweite Akt soll dann interaktiver werden, immerhin steht die Wahl des Mörders auf dem Programm. Und während sich das Ensemble auf der Bühne weiterhin bemüht, der lahmen Handlung Leben einzuhauchen und die zur Wahl stehenden „Mörder“ für sich werben, werden im Zuschauersaal Stimmen gesammelt, was nicht ohne Probleme abläuft. Denn ob am Ende wirklich jeder im Raum mit seiner Wahl berücksichtigt wurde, wissen nur die Stimmensammler selbst. Dass der Mörder am Ende der Pfarrer Crisparkle (gespielt von Harrie Poel) ist, gerät im Grunde genommen zur Nebensache. Es zählt nur, dass dieser langatmige Musicalspuk endlich vorbei ist. Ein anregendes Buch bei einer guten Flasche Rotwein wäre an diesem Abend die eindeutig bessere Wahl gewesen.

Blackfacing – wo bleibt der Aufschrei?

Befremdlich ist noch, dass weder bei Regisseur Craig Simmons noch bei der künstlerischen Leitung des TfN angekommen ist, dass das Blackfacing von Darstellern ein absolut unangemessenes Mittel der Darstellungsform ist. Gleich zwei Darsteller (Jürgen Brehm als Neville Landless und Elisabeth Köstner als Helena) ließ Simmons mit dunkel geschminktem Gesicht auf die Bühne kommen. Das schwarz-schminken von Darstellern ist und bleibt rassistisch, weil damit Menschen herausgestellt werden, in eine Zwangsrolle des Exotischen, Fremden oder einfach Anderen gedrängt werden. Leider sorgte dieses kleine Detail bei nur wenigen Besuchern für Unbehagen, was deutlich zeigt, wie dringend notwendig diese gesellschaftliche Debatte nach wie vor ist. Von Seiten der Intendanz am TfN hätte man sich hier mehr Fingerspitzengefühl gewünscht, oder eben einfach Haltung.


Das Geheimnis des Edwin Drood

Musikalische Leitung Leo Siberski
Inszenierung
Craig Simmons

Bühne und Kostüme Esther Bätschmann

Choreografie Katja Buhl

Mit Alexander Prosek (Prinzipal), Fabian Egli (John Jasper), Harrie Poels (Hochwürden Chrisparkle), Teresa Scherhag (Edwin Drood/Dick Datchery), Sandra Pangl (Rosa Budd), Elisabeth Köstner (Helena Landless), Jürgen Brehm (Neville Landless), Björn Schäffer (Durdles), Fehmi Göklü (Gehilfe), Judith Bloch (Prinzessin Puffer), Tim Müller (Bazzard), Dieter Dollinger (Bürgermeister Sapsea), Tanja Kleine (Souffleuse), Leo Siberski (Dirigent)

Weitere Termine sowie Möglichkeiten zum Ticketkauf unter www.tfn-online.de

Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.

2 Kommentare zu "EDWIN DROOD: LIEBER EIN GUTES BUCH LESEN"

  1. Ich kann die Meinung zum Musical nicht teilen. Ich selber war in der Premierenvorstellung und das Publikum war begeistert. Zwischenapplsus und viel Gelächter zeigt doch dass es den Hildesheimern gefallen hat. So manch einer gab Standing Ovations und Jubelrufe. Die schlechte Kritik ist wohl alleinige Meinung des Redakteurs. Es ist kein Kassenschlager wie Dracula im letzten Jahr aber in jeder Hinsicht besser als das ebenfalls laufende Cabaret.

  2. Kann mich meinem Vorschreiber nur anschließen. Das Musical unterhält in jeder Form zumal man als Publikum auch voll miteinbezogen wird. Was Herr Carstens da in seinem Artikel von sich gibt ist absolut fehl am Platz. Die Company unterhält in bester Manier wie man es vom TfN kennt. Wir hatten einen unterhaltsamen Abend! Auch die Berichte vom NDR Radio bzw. der HAZ Artikel zeigen nur positive Kritik an EDWIN DROOD. Meiner Meinung nach hat Herr Carstens als Berichterstatter für Theaterinszenierungen hier nichts verloren.

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*