BUNT. FRECH. LEBENDIG. AM TFN SOLL ES RAPPELN.

Das  neue Spielzeitbuch des TfN ist ab Donnerstag im TfN erhältlich. (Foto: Carstens)Das neue Spielzeitbuch des TfN ist ab Donnerstag im TfN erhältlich. (Foto: Carstens)

Es ist da. Das neue Programm des Theater für Niedersachsen verspricht für die kommende Spielzeit 2017/18 eine Menge Neues. Zum 10-jährigen Geburtstag wird es 21 Premieren in vier Sparten geben. 

HILDESHEIM. Bunt. Frisch. Lebendig. So kommt es daher, das neue Spielzeitbuch für die Saison 2017/18. TfN-Intendant Jörg Gade stellte es am Mittwoch gemeinsam mit dem neuen Generalmusikdirektor Florian Ziemen und dem ebenfalls bekannten aber neuen Direktor der Musical Company, Craig Simmons, vor. Das neue Buch ist dicker als im vergangenen Jahr, das Marketing setzt auf eine neue Agentur, die dem Theater für Niedersachsen optisch ein neues Flair gibt, ohne das alte, traditionelle zu sehr zu verdrängen. Zum ersten Mal seit langer Zeit spielen die Mitarbeiter im neuen Spielzeitbuch wieder eine besondere Rolle. In einer Fotobox fotografierten sich diese nämlich im vergangenen Jahr in allerlei Posen selbst. Und diese Aufnahmen rahmen das Programm nun also ein. Mancher ist auf den lustigen, skurrilen oder auch andächtigen Fotos gar mehrmals im Heft zu finden. Dem Vergnügen beim Durchblättern tut das aber keinen Abbruch. Im Gegenteil. Das TfN präsentiert sich als große Familie, die gemeinsam ein starkes Programm auf die Beine gestellt hat. Und jeder trägt eben seinen persönlichen Anteil daran: der Intendant, die Dramaturgen, die Tonregie, die Schneidereien, die Theaterpädagogik, natürlich die Ensembles oder die Service-Kräfte. 

Der neue Generalmusikdirektor am TfN, Florian Ziemen. (Foto: Oliver Carstens)

Der neue Generalmusikdirektor am TfN, Florian Ziemen. (Foto: Oliver Carstens)

“Viel Gutes erhalten und neues hinzufügen”

Frisch und lebendig wirken vor allem Ziemen und Simmons, denen man anmerkt, dass sie ihre neuen Aufgaben am TfN mit sehr viel Verve und Leidenschaft angehen wollen. Ziemen stellt das Programm des Musiktheaters gestenreich und begeistert vor. Immer wieder huscht dem neuen Generalmusikdirektor ein Lächeln ins Gesicht. “Wir wollen vieles Gute erhalten und neues hinzufügen”, kündigt er an und lobt vor allem die enge Bindung zwischen Theater und Publikum, die es zu erhalten gilt. Er will neues wagen mit Inszenierungen, die nicht überall gespielt werden. Zur ersten Premiere am 23. September 2017 des Musiktheaters holt sich Ziemen dazu einen Mann nach Hildesheim, der wie kein anderer Theatergeschichte geschrieben hat. Regie-Altmeister Hans Hollmann inszeniert die Oper “Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny”, nach dem Buch von Kurt Weill und Bertolt Brecht. Etwas besonderes wagt Ziemen auch mit der Monoper “Das Tagebuch der Anne Frank”, einem Stück, mit dem Ziemen auch und vor allem ein jüngeres Publikum erreichen möchte. Auf der Bühne: eine Sängerin, die Originaltexte des unter der Herrschaft der Nationalsozialisten verfolgten jüdischen Mädchens interpretiert, nur begleitet von einem Klavier. Und auch die Location ist eine Besondere. Nicht im Großen Haus sondern im F1 kommt diese nachdenkliche und gewagte Inszenierung ab dem 28. März 2018 auf die Bühne. Ebenfalls Premiere feiert die Telemann-Oper “Orpheus oder die wunderbare Beständigkeit der Liebe” (2. Dezember 2017), die deutsche Erstaufführung von “Adelia” (10. März 2018) und die von Paul Abraham geschriebene Operette “Die Blume von Hawaii” (5. Mai 2018). “Dann wird es richtig rappeln hier bei uns”, ist sich Ziemen sicher. Wiederaufgenommen werden “Der Freischütz” (ab 3. Oktober 2017), “Der Zigeunerbaron” (ab 8. Oktober 2017) und “Die verkaufte Braut” (ab 22. Oktober 2017). 

Der neue Chef der Musical Company am TfN, Craig Simmons. (Foto: Oliver Carstens)

Der neue Chef der Musical Company am TfN, Craig Simmons. (Foto: Oliver Carstens)

Liebe, Lust und Leidenschaft 

Der andere neue Mann ist ein alter Bekannter, der, bevor er sein Programm vorstellt, auf die Einmaligkeit der eigenen Musical Company am TfN verweist. “Das ist hier etwas ganz Besonderes, einmalig in Deutschland. Und es ermöglicht uns eine kontinuierliche Arbeit mit einem Ensemble, für das wir uns die Stücke aussuchen können.” Craig Simmons lebt für das Musical, seine vier Premieren der folgenden Spielzeit setzt er unter die Überschrift “Liebe, Lust und Leidenschaft”. Mit großer Liebe startet dann auch die neue Spielzeit am 20. August 2017. “Wir haben uns für die Titanic der 1970er-Jahre entschieden. Ich kann mich noch erinnern, wie sehr ich als junger Mann geheult habe”, hoffnungslos sei es gewesen, sich dagegen zu wehren, erzählt Simmons. Bei Intendant Jörg Gade, der bei “Love Story” Regie führen wird, stieß die Idee von Dramaturg Christof Wahlefeld zunächst auf wenig Begeisterung, den weltbekannten Film über die leidenschaftliche und zugleich tragische Love Story zwischen Jenny und Oliver als Musical auf die Hildesheimer Bühne zu bringen. “Was für eine Schmonzette”, unkte Gade, der sich aber bei der Lektüre und der modernen Umsetzung dann doch so mitreissen ließ, dass er selbst Regie führt. In den Gastspielorten ist das Musical schon jetzt der Top-Seller der neuen Spielzeit. 25 Auftritte außerhalb des Großen Hauses sind geplant. Mit Liebe und Leidenschaft einer besonderen Altersgruppe geht es im Musical am 7, Oktober weiter. “Spring awakening – Frühlingserwachen” erzählt von den Fragen rund um das Erwachsenwerden. “Es ist immer aktuell. Jeder von uns hat es erlebt”, hofft Simmons auch hier auf ein breites Publikum aller Altersschichten. Unterstützung erhält er dabei von Bart de Clercq, einem neuen Choreografen aus Belgien. Er soll der rockigen, modernen Inszenierung das perfekte Handling verpassen. Mit einer Kooperation mit dem Musiktheater geht es für die Musical Company ab dem 20. Januar 2018 “Ab in den Wald”. Simmons verspricht ein Orchestermusical erster Güte, einem Märchen für Erwachsene, das über die Herausforderungen des Lebens erzählt. Über ein Land in dem keiner weint, wo Tag und Nacht die Sonne scheint geht es in “Letterland – Trost der Frauen” ab dem 25. März. “Letterland” ist eine Shakespeare-Paraphrase, in der Hauptcharakter Erwin Kannes eine Art Hartz-IV-Falstaff, ein Fettwanst und Vorstadt-Casanova ist, dem die Aufnahme in den Ritterorden vom Hosenbande nur dadurch gelungen ist, dass ihm die Beinkleider nicht bis über die Gesäßfalte reichen. Rüber in die neue Spielzeit schafft es auch das erst kürzlich premierengefeierte Stück “Ein hässliches Spiel – Dogfight” (ab dem 18. November), erneut unter der Regie von Alice Asper. 

Politisches begreifbar machen

Während Ziemen und Simmons also während der Vorstellung des neuen Programms die Begeisterung förmlich spüren lassen, wirkt Intendant Jörg Gade schon beinahe zurückhaltend seriös, als er auf die Inszenierungen des Schauspiels zu sprechen kommt. Gade will die politischen Diskussionen der Zeit aufnehmen und auf der Bühne Empathie herstellen. “Es ist meines Erachtens die wichtigste Aufgabe von Theater”, betont der Intendant, der im Schauspiel mit der Komödie “König der Herzen” (ab 2. September 2017) in die neue Spielzeit startet. Das Stück erzählt von Britanniens Thronfolger Prinz Richard. Beliebt im Volk und in der Politik soll er dem König nachfolgen. Wäre da nicht seine neue Freundin, die er nicht nur heiraten will, sondern für die der König in spe sogar seine Religion wechseln will. Schlimm nur, dass seine Auserwählte Muslima ist und einen zum Islam konvertierten König will sich die Regierung auf keinen Fall leisten. Und ist sich dabei sogar mit der Opposition einig. “Wir erzählen den Kampf der Kulturen auf komische, aber trotzdem berührende Art”, lässt Gade bei der Inszenierung, die Dietrich Trapp auf die Bühne bringen wird, dann doch Passion aufblitzen. Politisch geht es auch ab dem 4. November weiter. “Wie weit haben Überwachung und Kontrolle eigentlich in unserer Demokratie schon Einzug gehalten”, stellt Gade die Frage und verweist auf die Bestseller-Listen der USA, auf denen seit dem Amtsantritt von Donald Trump als neuer US-Präsident der Klassiker “1984” wieder ganz oben steht. Welchem Wechselspiel Wahrheit und Propaganda unterliegen versucht Reiner Müller in seiner aktuellen Inszenierung für das TfN aufzuzeigen. Weiter im Programm des Schauspiels geht es mit dem Stück “Die Ratten” (ab dem 17. Februar 2018) von Gerhart Hauptmann und dem Klassiker “Nathan der Weise” von Gotthold Ephraim Lessing (ab dem 26. Mai 2018), das auch heute noch als Streitschrift des Humanismus und der Aufklärung gilt. Um eine Frau, die als Wirtschaftsflüchtling in Deutschland ein neues Leben sucht, geht es in “Phantom – ein Spiel” ab dem 7. April 2018. Es ist ein unterhaltsames, wenn auch sehr politisches Stück unter der Regie von Alice Asper über “falsche” Flüchtlinge und deutsche Vorurteile, das mit Klischees spielt und dabei den Zuschauer immer wieder seine eigene Haltung hinterfragen lässt. 

19 Inszenierungen im Jungen Theater

Viel Raum nimmt auch in der kommenden Spielzeit das Junge Theater ein, das mit insgesamt 19 Inszenierungen auf der Studiobühne theo aufwartet. Mit dem dreisprachigen (englisch-deutsch-türkisch) Stück “Ali Bey un Mr. Allen) zum Beispiel, in dem es ab dem 19. Oktober 2017 um Unterschiede und Gemeinsamkeiten geht und für Kinder ab 6 Jahren geeignet ist. Ein weiteres Highlight unter vielen dürfte auch die Koproduktion von TfN, theaterWEITER und tanz.Utan sein. Das Stück “Norway.today” erzählt die Geschichte der lebensmüden Julie, die sich über das Internet Gleichgesinnte sucht, um von einer schneeverwehten Klippe in Norwegen in den Tod zu springen. In „Einer für alle“ nach Motiven des Romans „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas. widmet sich Karin Eppler dem Musketier D’Artagnan, gespielt von Gotthard Hauschild, von seiner Zeit im Dienst König Ludwig XIII. und der Freundschaft zu den Musketieren. “Ich freue mich schon jetzt auf die Degenkämpfe”, scherzt Gade. Denn Hauschild wird als einziger Akteur auf der Bühne stehen und bekommt somit nach “Jonny Hübner” in den vergangenen Jahren eine neue Herausforderung im Jungen Theater. 

Drei Männer, ein Ziel: Sie wollen die Hildesheimer mit mutigen, und leidenschaftlichen Inszenierungen in der kommenden Spielzeit unterhalten. Musical-Direktor Craig Simmons (von links), Intendant Jörg Gade und Generalmusikdirektor Florian Ziemen. (Foto: Clemens Heidrich)

Drei Männer, ein Ziel: Sie wollen die Hildesheimer mit mutigen, und leidenschaftlichen Inszenierungen in der kommenden Spielzeit unterhalten. Musical-Direktor Craig Simmons (von links), Intendant Jörg Gade und Generalmusikdirektor Florian Ziemen. (Foto: Clemens Heidrich)

Eröffnet wird die neue Spielzeit auch im Sommer 2017 (“Wenn er denn mal kommt”, so Gade) mit dem Theatergarten. An jedem Abend zwischen dem 11. August und dem 23. September laden das TfN und die EventWerft zum Theatergarten ein. Unter dem Motto „Sommer, Sonne, Liegestühle“ erhält das Publikum hier erste Eindrücke von den bevorstehenden Premieren, Unterhaltsames aus dem Theater, Mitmachaktionen, Lesungen, Führungen hinter die Kulissen und musikalische Programme. Gekrönt werden soll das Geburtstagsjahr jeden Monat von besonderen Geburtstagsaktionen, die in einer Party in der Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai ihren Siedepunkt erreichen soll. 


Mehr über die Inszenierungen der neuen Spielzeit findet Ihr auf den Seiten des Theater für Niedersachsen und in den kommenden Tagen auch hier bei uns. 

Über den Autor

Oliver Carstens
Oliver Carstens
Oliver Carstens wurde 1979 in Hannover geboren und ist nach 12 Jahren in Hamburg und Schleswig-Holstein im März 2012 nach Hildesheim gekommen. Der gelernte Journalist arbeitet seit fünf Jahren im Bereich Lokaljournalismus. Ersten Erfahrungen bei einem Stadtmagazin in Hannover folgten in Hamburg Engagements für Wochen- und Tageszeitungen. Beim Pinneberger A. Beig Verlag, der zu Schleswig-Holsteins größtem Verlagshaus (sh:z) gehört, lenkte Carstens mehrere Monate als verantwortlicher Redakteur die Geschicke der neuen Sonntagszeitung "Tageblatt am Sonntag". Nach seinem Umzug nach Hildesheim arbeitete der gebürtige Hannoveraner als freier Journalist für die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung", bevor er CityToday gründete. Als Inhaber der Medienagentur "Aussenkontakt" entwickelt er zudem Kommunikationskonzepte aus einer Hand, ist Experte für social media-Anwendungen und referiert zu journalistischen Themen. Zudem ist Carstens als Moderator und Organisator von politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen für die Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit tätig.